Partie am Jangtsekiang bei Tschinkiang.
Tschinkiang.
Von den großen volkreichen Handelsstädten, welche an den Ufern des mächtigen Jangtsekiang liegen, und der Mehrzahl nach dem fremden Handelsverkehr geöffnet sind, ist Tschinkiang für den Reisenden am leichtesten erreichbar. Von Shanghai, der Metropole des ganzen Jangtsethales und wichtigstem Hafen desselben, fahren nahezu täglich große, bequeme Passagierdampfer stromaufwärts nach Hankau und berühren auf ihrer durchschnittlich fünf- bis sechstägigen Fahrt alle größeren Hafenstädte, darunter Tschinkiang.
Wir waren um Mitternacht von Shanghai abgefahren, und am frühen Nachmittag des folgenden Tages sahen wir in weiter Ferne die malerischen Wahrzeichen von Tschinkiang aus der vom gelben schlammigen Strom durchzogenen sumpfigen Ebene hervorragen: die wie eine riesige Halbkugel von achtzig Meter Höhe geformte Silberinsel mit ihrem Adjutanten, dem kleineren bewaldeten Federfelsen, beide mit kurios geformten Tempeln und Pagoden bedeckt. Kaum hatte unser Dampfer sie umfahren, so sahen wir am südlichen Ufer des Stromes die große Stadt vor uns liegen, zu beiden Seiten von bebauten Hügeln eingefaßt, die wie natürliche Wachttürme aus dem tiefen Sumpflande aufsteigen. Beide Hügel sind von geschichtlichem Interesse. Auf dem einen, uns näherliegenden, zeigt sich inmitten von grünen Parkanlagen das größte und imposanteste Gebäude von Tschinkiang, nicht etwa ein Tempel, eine Pagode oder Ahnenhallen, sondern das im europäischen Stil gebaute englische Konsulat. Im Jahre 1889 befand sich dasselbe in einem anderen Gebäude, als der hier stets unruhige, leicht erregbare Pöbel der Stadt ohne irgend welche Veranlassung einen Angriff auf das Konsulat unternahm und mit vielen anderen europäischen Häusern auch dieses Gebäude niederbrannte. Als Genugthuung den Engländern gegenüber mußten die Chinesen auf dem bewaldeten Hügel ein neues Konsulatsgebäude errichten. Auch der jenseits der Stadt, stromaufwärts gelegene Uferhügel erinnert die Chinesen an ihre vielen Kämpfe mit ihren besten Freunden, den Engländern. Dieser Hügel, die Goldene Insel genannt, lag noch im Jahre 1842 mitten im Fluß, und an der Südseite war die englische Flotte verankert, während die Landtruppen zu Lande jene Siege erkämpften, welche zu dem Friedensvertrag von Nanking führten. Diese einstige Insel ist längst mit dem Festlande innig verwachsen, ja sogar an ihrer Nordseite haben die Anschwemmungen des Jangtsekiang schon einen breiten Landstreifen geschaffen.
Zwischen beiden Hügeln sahen wir das Häusermeer von Tschinkiang in buntem, malerischem Flaggenschmuck prangen. Jedes Haus, jeder Tempel, die Masten der Tausende von Frachtbooten, welche sich im großen Kanal und an den Ufern des Jangtsekiang zusammendrängten, sogar die Bäume zeigten rote und weiße Flaggen; die ganze Bevölkerung schien auf den Beinen zu sein, und von der breiten, dem Jangtseufer entlang laufenden Bundstraße drang entsetzliches Lärmen und Schreien zu uns herüber. Der Comprador unseres Dampfers, selbst ein langbezopfter Chinese, klärte mich auf meine Frage darüber auf. Heute wäre gerade das Tiu-Tiufest, zu welchem gewöhnlich viele Tausende aus dem Innern des Landes hier zusammenzuströmen pflegten, und es sei an solchen Tagen nicht rätlich, sich zu weit in die Stadt hineinzuwagen. Allein gerade dieses heidnische Fest reizte meine Neugierde. Der Ingenieur des Dampfers erklärte sich bereit, mich zu begleiten, wir schlangen die Feldstecher um die Schultern, steckten Revolver ein und machten uns auf den Weg.
Wegen der Unterwaschung der Flußufer, wie sie auf dem ganzen unteren Jangtsekiang vorkommen, können die Dampfer auch hier nicht direkt an dieselben anlegen, sondern an eigene Hulks, alte abgetakelte Schiffskörper, die in der Nähe des Ufers fest verankert und mit dem letzteren durch Brücken verbunden sind. Jede der drei großen Dampfergesellschaften des Jangtse hat ihren eigenen Hulk, und der ganze Uferraum zwischen denselben ist mit zahllosen Dschunken, Segelbooten, Sampans, Frachtschiffen und Kanonenbooten dicht gefüllt. Tschinkiang ist ja nicht nur ein großer Verkehrshafen und Handelsplatz des Jangtsethales, es liegt auch im Mittelpunkte eines Netzes von Kanälen, deren größter, der Kaiserkanal, gerade hier den Jangtse kreuzt. An diesem Kreuzungspunkte der beiden wichtigsten Wasserstraßen von China mußte eine große und reiche Stadt entstehen, trotz der schweren Katastrophen, welche sie während des letzten halben Jahrhunderts zu überstehen hatte. Im Jahre 1842 wurde sie nach langer Verteidigung von den Engländern gestürmt und eingenommen, aber die rothaarigen Barbaren fanden innerhalb der Ringmauern zu ihrem Entsetzen nichts als Leichen vor. Die Verteidiger, größtenteils Mandschuren, hatten zuerst alle Weiber und Kinder, dann sich selbst getötet, um ja nicht in die Hände des von ihnen so sehr gehaßten Feindes zu fallen. Dreizehn Jahre später hatte die Stadt durch Zuwanderer wieder sehr gewonnen, als die furchtbaren Horden der Taiping sie einnahmen und teilweise zerstörten, und weitere vier Jahre später, im Jahre 1859, fiel sie in die Hände der kaiserlichen Truppen, die hier ebenso wütend hausten, wie in dem benachbarten Nanking. Die ganze Bevölkerung wurde niedergemetzelt, die Stadt bis auf die Ringmauern und einige Straßen dem Erdboden gleichgemacht. Noch im Jahre 1894 sah ich dort Ruinen, welche aus jener Zeit herrührten.
Aber alles das waren nur zeitweilige Hindernisse für den Aufschwung von Tschinkiang, das heute wieder an zweihunderttausend Einwohner zählt und innerhalb des von den Ringmauern umschlossenen Vierecks gar keinen Platz mehr hat. Es hat sich über die Stadtmauern ausgedehnt, und gerade in den westlich entstandenen Vorstädten ist der Sitz des Handels, des hauptsächlichsten Verkehrs und Reichtums der Stadt, während der östliche Teil ganz dem großartigen Leben und Verkehr auf dem Yunhokanal untergeordnet ist. An die westliche Vorstadt stoßen gegen die Landseite zu ärmere Quartiere, die sich bis zu den sanften von Festungswerken gekrönten Höhen hinter der Stadt hinanziehen und in weit ausgedehnten Friedhöfen mit kleinen, konischen, grünen Grabhügeln endigen.
Die Fremdenkonzession liegt dicht an den Ufern des Jangtsekiang. Obschon in derselben alles in allem genommen nur siebzig Europäer wohnen, haben sie doch einen hübschen mit steinernen Warenhäusern und schmucken Villen besetzten Bund (d. h. Uferstraße) geschaffen, der ebenso wie die nächstliegenden Seitenstraßen wohl gepflastert, beleuchtet und mit üppigen schattenspendenden Bäumen besetzt ist. Von dem chinesischen Ueberfall im Jahre 1889, bei welchem die Hälfte aller Häuser der Konzession zerstört wurde, ist keine Spur mehr wahrzunehmen. Die Handvoll Europäer, welche hier neben und mitten unter zweihunderttausend Chinesen wohnen, haben ihre eigene städtische Verwaltung, ihre Feuerwehr, Polizei, zwei Kirchen und einen Klub. Es fehlt ihnen nur noch eine tägliche Zeitung, aber auch sie wird kommen.