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GRÖSSERES BILD]

Steinerne Tierfiguren bei den Kaisergräbern in Nanking.

Nanking.

Eine Stunde nach Mitternacht hielt der große, nach Hankau bestimmte Jangtsekiangdampfer mitten auf dem breiten Strom, und der langbezopfte chinesische Steward bedeutete mir, ich wäre in Nanking angekommen. Vom Verdeck aus sah ich von dieser Weltstadt, deren Bevölkerung Millionen zählte, dieser einstigen Hauptstadt des größten Reiches der Erde, nichts weiter als eine gewaltige Ringmauer. Der Vollmond beschien die einsamen Ufer des Stromes. Kein Schiff, nicht einmal eines der vielen chinesischen Kanonenboote, welche auf dem Jangtsekiang den Polizeidienst versehen, deutete die Einfahrt in den Hafen an; nur zwei niedrige ärmliche Gebäude standen dort dicht am Stromufer, und von diesem stieß eben ein kleiner, von ein paar Kulis gelenkter Sampan ab, um mich abzuholen. Ein paar Minuten später saß ich darin, und während meine chinesischen Bootsleute mit kräftiger Hand durch die Fluten des hier reißenden Stromes dem Lande zuruderten, verschwand der große Dampfer in der Richtung gegen Hankau.

Es war ein Glück, daß die englischen Professoren der Marineschule in Nanking von meinem Kommen unterrichtet waren und mir eine Sänfte mit vier Trägern entgegengesandt hatten, sonst hätte ich wohl im Freien außerhalb der Stadtmauern übernachten müssen. Raschen Schrittes trugen mich die Kulis durch die elende Hüttenstadt, welche den Hafen von Nanking bildet. An dem Kanal angelangt, welcher dieses verkommene Nest mitten durchschneidet, mußten die Bootsleute der Fähre durch kräftige Hiebe aus dem Schlaf geweckt werden. Was sind die Chinesen doch für ausgezeichnete Schläfer! Der Kanal war über und über mit Pantoffelbooten bedeckt, deren jedes einer Familie als Wohnung dient. Obschon nun Hunderte von Hunden bei unserem Kommen wütenden Lärm schlugen, ließ sich doch niemand aus dem Schlafe wecken. Nur aus einem der Boote drangen leise Gongschläge zu mir herüber. Einer der Insassen mochte wohl im Sterben liegen, und die aufmerksamen Verwandten trachteten durch diese Gongmusik die bösen Geister zu vertreiben.

Jenseits des Kanals trugen mich die schweißtriefenden, stinkenden Kulis abermals eine Viertelstunde lang durch eine öde, verlassene Gegend, ehe wir an die ungeheuren Stadtmauern von Nanking gelangten. In dem bleichen Mondlichte zeigten sich diese noch viel gewaltiger, als sie wirklich sind. Auf viele Meilen zogen sie sich zu beiden Seiten unseres Weges in die Ferne, aus großen Quadern bestehend und vortrefflich erhalten, noch immer eines der größten Werke, welche Menschenhände geschaffen haben. Sie umgeben die alte Kaiserstadt in einem Umkreise von vierunddreißig Kilometern und erreichen bei einer Stärke von acht bis vierzehn Metern eine Höhe von fünfzehn bis dreißig Metern. Im ganzen genommen, enthalten sie nicht weniger als sieben Millionen Kubikmeter Mauerwerk und dreißig Millionen Kubikmeter Erde, also das Sechzehnfache der größten Pyramide Aegyptens. Hunderttausende von Menschen müssen jahrelang an diesem ungeheuren Werke gearbeitet haben, und die Mauer hat auch den Jahrhunderten, die seit ihrer Erbauung verflossen sind, ebenso wie den vielen Kriegen und Belagerungen getrotzt, deren letzte zur Zeit der Taipingrevolution die furchtbarste war. Nur nach langer Mühe gelang es den kaiserlichen Truppen im Jahre 1864, eine Bresche in dieses gewaltige Werk zu schießen. Sie wurde seither wieder ausgebessert. Der Vizekönig der Provinz verwendete dafür, sowie für die Erneuerung der Thortürme mit den schön geschwungenen Dächern eine Million Mark, eine Geldsumme, welche mit größerem Nutzen in der Stadt selbst hätte verausgabt werden können. Das ungeheure Thor, durch welches unser Weg in die Stadt führte, war fest verschlossen. Lange mußten meine Kulis mit den Tragstangen der Sänfte pochen, ehe die inneren Querbalken losgelöst wurden und der eine Thorflügel sich so weit öffnete, um uns durchzulassen. Ein Soldat in Pantoffeln und ohne irgend welche Bewaffnung sah mich mit schlaftrunkenen Augen an, richtete aber weder eine Frage an meine Begleiter, noch verlangte er mir meinen Reisepaß ab. Und das zu einer Zeit, als die Japaner sich mit allen Kräften zu dem großen Kriege rüsteten, der einige Monate später wirklich ausbrechen sollte.

Jenseits des vielleicht hundert Meter langen gewölbten Thorweges, der unter den Mauern und Wällen der Stadt in das Innere derselben führte, mußten meine Kulis noch eine geraume Zeit wandern, ehe wir das Thor der Marineschule, meiner Behausung, erreichen. Die Straßen waren wohl mit gutem Pflaster versehen, allein die Häuser zu beiden Seiten waren nur erbärmliche Lehmhütten, ähnlich wie ich sie in den ärmsten chinesischen Dörfern gesehen habe. Die einzigen Menschen, denen wir auf unserem nächtlichen Marsche begegneten, waren Nachtwächter, die schläfrig durch die einsamen Straßen wanderten und bei jedem Schritt mit ihrem eisernen Speer auf den Boden schlugen, oder mit Zinken und Trommeln etwaigen Dieben und Einbrechern ihr Nahen verkündeten. In der Wachtstube gegenüber der Marineschule lagen zehn Soldaten schlafend auf ihrem harten Holzlager ausgestreckt. Bei unserem Kommen wurde von einem dieser Vaterlandsverteidiger kräftig eine Trommel gerührt, in der ganzen Stadt, nah und fern, antworteten Dutzende von Trommeln. Trotz dieses laut durch die Nacht hallenden Wachtrufes rührten sich die schlafenden Soldaten nicht. Wozu auch? Sie sind ja längst an diesen nächtlichen Lärm gewöhnt. Als ich eine Stunde später selbst in dem ganz modernen europäischen Hause der Marineschule zur Ruhe gegangen war, dauerte das Trommeln noch fort. Alle Augenblicke wurde ich durch Trommeln aus dem Schlafe geweckt; aber mit der Zeit gewöhnte auch ich mich daran. In allen chinesischen Städten wird zur Nachtzeit fortwährend getrommelt, Gong geschlagen, Tuba geblasen, und ohne diesen Lärm müßte es den Hunderten von Millionen schlafender Chinesen ganz unheimlich vorkommen.