Typisches Geschäftshaus in Hankau.
Und kommt man in diese kleine europäische Niederlassung, so sieht man von dem großen Geschäftsverkehr erst recht nichts. Die Häuser sind geräumige, einstöckige Villen mit breiten Veranden und Galerien im Stile der indischen Bungalows, etwa wie in den vornehmen Stadtteilen von Bombay und Singapore, umgeben von gutgepflegten Gärten. Parkanlagen trennen sie von dem steinernen Uferkai des Jangtsekiang, auf dessen Fluten nahebei ein paar Hulks liegen; sie sind die Anlegestellen für die gewaltigen schneeweißen Flußdampfer, die mich in Größe und Einrichtung ganz an die gleichen Hudson- und Mississippidampfer erinnerten. Weiter draußen im Strome liegen ein paar Ozeandampfer vor Anker. Zwischen den hübschen Privatresidenzen zeigen sich zwei Klubhäuser und zwei Kirchen, weiter gegen Osten ein Kloster, und daran schließt sich ein großer Rennplatz für die Wettrennen, welche die Handvoll Europäer sogar im Herzen von China veranstalten. Der Rennplatz ist eigentlich der Boden der französischen Konzession, während die Wohnungen der Europäer, hauptsächlich Russen, Engländer und Deutsche, auf der englischen Konzession stehen. Da sich bisher aber kein Franzose in Hankau angesiedelt hat, steht dort nur das französische Konsulat. Hinter dieser eigentümlichen Europäerstadt erheben sich ein paar Theefabriken, und an diese schließt sich das schmutzige, übelriechende Straßengewirr der Chinesenstadt. Das ist Hankau.
Nach diesem Fleckchen europäischer Erde im Innern Chinas werden die ungezählten Tonnen Thee aus dem Stromgebiet des Jangtsekiang zusammengeschleppt. Sie kommen auf den Rücken von chinesischen Kulis, auf Maultieren, auf grotesken Dschunken und Booten und auf großen europäischen Dampfern. Dorthin reisen im Frühjahr die Theehändler und Tscharsiehs (Theekoster) von Europa, von Singapore und Shanghai; täglich kommen Dampfer an, täglich lichten andere ihre Anker für ferne Ziele. Während weniger Wochen in jedem Frühjahr herrscht in Hankau fieberhafte Thätigkeit. Europäische Handelsherren und ihre Agenten, Koster und Spekulanten, chinesische Compradores (Geschäftsleiter), Schroffs (Geldzähler), Kommis und Kulis arbeiten dann von früher Morgendämmerung bis in die Nacht hinein. Das geht so, wie gesagt, während einiger Wochen im Jahre, etwa von Anfang Mai bis Anfang Juni. Dann wird es wieder still in Hankau.
Warum diese Eile? Warum diese angespannte Thätigkeit während so kurzer Zeit? Die wichtigste Theeernte des Jahres tritt eben dann ein, und die einzelnen europäischen Theehäuser trachten natürlicherweise, die besten Sorten zu den niedrigsten Preisen einzukaufen. Dazu muß aber jede Kiste, jeder Sack geprüft werden, und diese Prüfung ist die wichtigste Sache des ganzen Theehandels, denn von dem Urteil des Prüfers oder Tscharsieh hängen mitunter sehr hohe Summen ab. Tausende von Kisten werden der Reihe nach von flinken Kulis geöffnet, die Farbe und Qualität der Blätter geprüft. Dann wird jeder Kiste eine Probe entnommen, aus welcher in kleinen Schälchen Thee bereitet wird.
Während draußen die Kulis lärmen und schreien, sich stoßen und drängen, Kisten öffnen und vernageln, geht es in den dämmerigen Prüfungsräumen still und feierlich her. Mit derselben Genauigkeit, mit welcher die Apotheker bei der Mischung von giftigen Arzneien verfahren, werden die einzelnen Proben abgewogen, die Schälchen gereinigt, das Kochen des Wassers und die Dauer des Ziehens auf Sekunden nach Sanduhren beobachtet, dann schlürft der Tscharsieh einen Schluck durch die Zähne in den Mund, und nach diesem einzigen Schluck fällt die Entscheidung. Ein Zögern, Nachdenken, nochmaliges Prüfen ist nicht gestattet. Nun prüft ein Tscharsieh mitunter hundertundfünfzig bis zweihundert Theesorten an einem Morgen, und man kann sich denken, welche Verantwortlichkeit auf dem heiklen Gaumen dieser Theekoster ruht!
Der größte Teil der Theemengen, welche in Hankau von den chinesischen Kaufleuten erworben werden, geht mittels Dampfer direkt oder über Shanghai nach Europa, teilweise auch über den Stillen Ozean und die Kanadische Pacificbahn, um in Montreal oder Neuyork auf transatlantische Dampfer übergeladen zu werden. Die großen Theekaufleute Englands ziehen es vor, ihren Thee über den Stillen Ozean und Kanada nach Europa zu verschiffen, weil der Transport durch die Singaporestraße und den Indischen Ozean den Thee der Gefahr des Schwitzens, also einer Art Gärung aussetzt, die dem Geschmack der wertvollen Theeladung natürlich nicht förderlich wäre.
Die Prüfung der zweiten und dritten Theeernte, welche weniger kostbare Theesorten liefert, erfolgt gewöhnlich durch lokale Tscharsiehs in Hankau oder Shanghai.
Während des Rollens und Brennens des Thees sowie während des Transportes auf den elenden Straßen wird eine große Menge von Blättern zerbröckelt oder zu Staub zerrieben. Diese Abfälle werden sorgfältig gesammelt und in den vorerwähnten Hankauer Fabriken zur Bereitung des Ziegelthees verwendet. Bei uns ist Ziegelthee nahezu unbekannt, in Rußland und Sibirien aber gehört er neben dem Karawanenthee zu den beliebtesten Sorten. Die steinharten Täfelchen des Ziegelthees werden in Sibirien, wo es zuweilen im Geldverkehr an kleinen Münzen fehlt, sogar an deren Stelle ausgegeben und ziemlich allgemein als Zahlung angenommen.
In den großen, dunklen, staub- und dampferfüllten Räumen der Fabriken stehen zahllose Fässer mit feinem Theestaub oder Blätterabfällen, welche sorgfältig zerkleinert und durch Siebe geschüttelt werden. Hunderte von halbnackten, schweißtriefenden Kulis, den langen Scheitelzopf um ihre kahl rasierten Schädel gewunden, wiegen dieses gelbliche Theemehl in Partien von je einem Kilogramm und füllen damit kleine Säckchen aus Baumwollstoff, andere werfen diese Säckchen in große durchlöcherte Metallcylinder, wo sie mit heißem Dampf durchtränkt werden. Von Zeit zu Zeit beugt ein Chinese seinen Oberkörper über den dampferfüllten Cylinder, holt die Theesäckchen wieder heraus und trägt sie zu der Preßmaschine, wo sie in ziegelartige Formen gepreßt werden. Unter diesen Preßmaschinen darf man sich aber nicht etwa solche aus Eisen und Stahl vorstellen, wie sie bei uns in Verwendung stehen. Ein langer Bambusstamm ist mit einem Ende in einem Scharnier befestigt; nahe diesem trägt er an der unteren Seite einen in die Ziegelform genau passenden Stempel. Ist die Form mit einem Theesäckchen gefüllt, so springt ein Chinese mit seinem vollen Körpergewicht auf das andere Ende des Bambusstammes, und während dieses sich senkt, legen sich noch ein paar andere Kulis darüber. Dann wird der Bambusstamm wieder gehoben, der steinhart gepreßte Theeziegel herausgenommen und ein anderes Theesäckchen in die Form geworfen. Die fertigen Ziegel, etwa von der Form und Größe unserer gewöhnlichen Dachziegel, nur von nahezu schwarzer Farbe, werden noch getrocknet, in Papier geschlagen und sind nun zum Transport durch die Karawane fertig.