Chinesischer Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.
Von der Marktstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere ab, und diese war augenscheinlich das vorläufige Europäerviertel des Ortes. Freilich zeigte auch diese Straße nur langgestreckte, ebenerdige Chinesenhäuser mit Steinmauern, Papierfenstern und Strohdächern, aber der frische Anstrich, die neu eingesetzten Hausthüren und vor allem die große Reinlichkeit, die überall herrschte, bewiesen, daß hier unmöglich Chinesen wohnen könnten. In der That trugen zwei der Häuser die Namen der zwei einzigen deutschen Handelsherren, welche sich bisher hier angesiedelt hatten: Schwarzkopf & Co. aus Hongkong und Sietas & Co. aus Tschifu. Ihnen gegenüber trägt ein Haus die Bezeichnung „Kaiserlich Deutsche Post”. Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz, auf welchem sich der Yamen des Gouverneurs von Tsingtau erhebt, ganz so eingerichtet, wie alle Yamen der chinesischen Mandarine. Dem von einem Militärposten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich eine hohe Schutzwand gegen die bösen Geister, sowie der große Flaggenstock, auf dem heute die weiße Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz weht. Ins Innere des Yamens tretend, gelangte ich zunächst in einen geräumigen Hof, von ansprechenden chinesischen Häusern umschlossen, in welchem sich die Bureaus und Wohnungen der Offiziere des Stabes befanden. Hier sollte auch ich Unterkunft finden, denn von Hotels oder Logierhäusern war zur Zeit meines Eintreffens, Mitte März, noch keine Spur vorhanden, und erst später ging man daran, das frühere chinesische Zollhaus zu einem Absteigequartier für Fremde einzurichten. Ein breiter Durchgang in dem Mittelhause führt in einen zweiten Hof, ebenfalls von chinesischen Gebäuden mit schön geschwungenen Dächern und Veranden aus geschnitztem Holz eingefaßt. Das mittlere und größte Haus enthält die nur aus zwei Räumen bestehende Wohnung des Gouverneurs, und die beiden Zimmer, die für den bevorstehenden Besuch des Prinzen Heinrich eingerichtet wurden. Bureaus nehmen die anderen Gebäude vollständig ein, ja es mußten noch die dahinter befindlichen Kasernen der längst verschwundenen chinesischen Soldaten dafür eingerichtet werden.
Hauptstraße von Kaumi.
Dieses Einrichten der Kasernen und Wohnhäuser, das Reinigen der Straßen und Plätze des Dorfes, die Verbesserung der Wege, Brücken, Flußläufe, Dämme und dergleichen war die größte Aufgabe, welche die wackeren deutschen Truppen während der bisher verflossenen kalten Wintermonate auszuführen hatten. Der chinesische Bauer und der chinesische Soldat sind keineswegs für ihre Reinlichkeit berühmt, und andere Bewohner besaß Tsingtau überhaupt nicht. Polnische Dörfer hätten in Tsingtau vor der deutschen Besetzung als Muster von Reinlichkeit angesehen werden können, und daß auch die chinesische Regierung für ihre Unterthanen nur sehr wenig thut, ist sattsam bekannt. Um diese Mistgrube von Deutsch-China zu reinigen, wurden allerdings die bezopften Kulis, deren man habhaft werden konnte, in den Dienst gepreßt, allein die Matrosen von den Kriegsschiffen und die Soldaten des Marine-Infanteriebataillons mußten fleißig mithelfen. Ihr Fleiß, ihre Ausdauer, und die Freudigkeit, mit der Offiziere sowohl wie Mannschaften sich an das ungewohnte, und man kann wohl sagen, unwürdige Werk machten, verdienen alle Bewunderung. Wohl gab es in Tsingtau das Gouverneursyamen und die fünf großen mit Lehmmauern umgebenen Militärlager, in deren ebenerdigen Gebäuden das chinesische Militär bis zur Besetzung wohnte, ja dieselben waren sogar in einem besseren Zustande, als ich sie sonst bei früheren Reisen im chinesischen Reiche angetroffen hatte. General Tschang, der arme Befehlshaber von Tsingtau, war für chinesische Verhältnisse ein ganz ausgezeichneter Offizier. Zur Zeit des chinesisch-japanischen Krieges sollte Tsingtau in einen festen chinesischen Kriegshafen umgewandelt werden, und Tschang hatte rings um den Ort der ganzen Seeküste entlang Mauern aufführen, die festen Militärlager anlegen und alles in, allerdings chinesischen, Verteidigungszustand setzen lassen, so daß die Deutschen bei ihrer Besetzung des Ortes viel vorgearbeitet fanden. Wollten aber deutsche Soldaten die chinesischen Kasernen beziehen, so mußten diese doch von Grund aus neu gereinigt, verbessert, neu eingerichtet werden. Wo die Maurer, Schlosser, Zimmerleute und dergleichen finden? Da wurde denn der Offizier zum Maurerpolier, der Soldat zum Handwerker, und statt mit Gewehr und Säbel, mußten sie mit Kelle und Hobel arbeiten, aber das Gewehr doch stets zur Seite. Nur der umsichtigen Leitung, der Ordnung, Disciplin, Anspruchslosigkeit und dem guten Mute, der alle beseelte, gelang das anscheinend Unmögliche. Nach der harten Tagesarbeit kamen die Entbehrungen der Nacht. Betten gab es natürlicherweise nicht, desgleichen waren keine Oefen zum Wärmen der eisig kalten, dunklen Räume, keine Glasscheiben für die papierüberklebten Fenster, keine Küchen vorhanden; die armen Leute mußten in Hängematten schlafen, Offiziere wohnten zu zweien und dreien in engen, dunklen, feuchten Räumen, speisten wie im Felde vor dem Feinde, entbehrten der notwendigsten Bequemlichkeiten und mußten dabei auch noch den anstrengenden Garnisonsdienst versehen.
Der achtzigjährige blinde Abt von Tsingtau.
Das Ergebnis dieser harten Arbeit zeigte sich schon nach wenigen Monaten. Die Kasernen, die ganzen Militärlager wurden zu Mustern von Sauberkeit; ganz Tsingtau wurde gesäubert, die Straßen wurden beleuchtet, ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis; die Häuser wurden mit Nummern versehen, an den Straßenecken sah man Tafeln mit Benennungen wie Marktstraße, Bankgasse, Yamenplatz, Paroleplatz und andere. Die Wege waren ausgebessert, zwischen dem Yamen und den verschiedenen, Tsingtau umgebenden Militärlagern herrschte Telephonverbindung, auf dem hohen Truppelberg, der sich über Tsingtau erhebt, befand sich bereits eine Signalstation, in den Straßen sah man zwischen dem lebhaften Chinesengedränge schon Polizisten, überall herrschte Ordnung, und die Grundlage für eine gesicherte Weiterentwickelung der jungen Hauptstadt von Deutsch-China war gelegt. Auch die vorläufigen Untersuchungen über den neuen deutschen Kriegshafen und über das zukünftige Handelsemporium wurden beendet. Die Offiziere der Kriegsschiffe, welche jenseits der Halbinsel Tsingtau in der Bucht von Kiautschou ankern, haben die Untersuchungen durchgeführt und gefunden, daß dieser Hafen längs der Nordküste der Halbinsel von Tsingtau, an der Bucht von Kiautschou angelegt werden müsse, denn dort befindet sich ein etwa zehn Kilometer langer, einen Kilometer breiter Streifen tiefen, sicheren Fahrwassers, der durch die fortschreitende Anfüllung und Verseichtung der Bucht erst nach Jahrhunderten gefährdet werden dürfte.