Visitenkarte des
Präfekten von
Kiautschou.

Die einst so blühende Hafenstadt Kiautschou liegt heute mehrere Wegstunden von der Meeresbucht entfernt, auf trockenem Lande, und nichts ist unrichtiger, als in Bezug auf Kiautschou von einer Hafenstadt zu sprechen. Der Name Kiautschou als Bezeichnung für den deutschen Besitz in China sollte überhaupt aus allen Zeitungen wie aus der Leute Mund verbannt und dafür Tsingtau gesetzt werden. Tsingtau ist ja der deutsche Hafen, von Kiautschou zulande anderthalb Tagereisen entfernt. Statt Tsingtau Kiautschou zu nennen, ist gerade so, als würde man in Deutschland statt der deutschen Stadt Emden das holländische Groningen nennen. Kiautschou steht ja trotz seiner kurzen Besetzung durch die deutschen Marinesoldaten im Jahre 1897 vollständig unter dem steinernen Scepter des „Sohnes des Himmels”, und ein bezopfter alter Mandarin, namens Lo, führt dort in seinem Namen die Regierung. Wohl liegt Kiautschou in der Zone des sogenannten „deutschen Einflusses”, und keine wichtigere Regierungsmaßnahme kann dort ohne Einwilligung der Deutschen getroffen werden, allein Stadt und Gebiet sind unanfechtbar chinesisch.

Obschon Kiautschou nach europäischen Begriffen kaum mehr als ein stattlicher, mit hohen Ringmauern umgebener Marktflecken ist, wird es von den Chinesen doch noch immer als eine bedeutende Stadt betrachtet, was schon ihr Name „tschou” besagt. Die Städte erster Größe heißen in China „fu”, wie z. B. die Hauptstadt von Schantung Tsinanfu heißt, Städte zweiter Größe heißen „tschou”, wie Kiautschou, Tsinningtschou, jene dritter Größe, oder Kreisstädte, heißen „hsien”, wie Weihsien, Poschanhsien. Nicht ohne eine gewisse Erregung ritt ich durch das Stadtthor ein, auf welchem eine Zeitlang die deutsche Flagge geweht hat; Abgesandte des Mandarins erwarteten mich hier, um mich durch die von weiten grünen Feldern und schattigen Friedhöfen unterbrochenen elenden Vorstädte nach der inneren Stadt zu führen. Bald hatten wir die mächtige innere Ringmauer erreicht. Jenseits des vollständig unbewachten Thores gelangten wir in ein Gewirr von engen Gassen, eingefaßt von ebenerdigen Häuschen. Vor einem derselben wurde Halt gemacht. Durch die weitgeöffneten Flügelthüren erblickte ich einen Hof, in dessen Hintergrund sich eine Lehmhütte mit Strohdach erhob. Das war mein „Hotel”, das zur Zeit der deutschen Besatzung auch als Hauptquartier der Marinetruppen gedient hat. Eine wackelige Thür, von innen durch hölzerne Querriegel notdürftig verschließbar, führte in einen dunklen Raum, der als einzige Möbel einen Tisch und zwei Stühle besaß. Zu beiden Seiten befanden sich kleine Kabinette mit Holzpritschen; der Fußboden bestand aus festgestampftem feuchten Lehm, die kleinen Fensterchen waren mit dünnem zerrissenen Papier überzogen, von Heizeinrichtungen, Betten, Waschgefäßen und dergleichen keine Spur. All das muß der Reisende in China, wenn er auf etwas Bequemlichkeit Anspruch macht, mit sich führen, und meine Diener hatten während meiner Irrfahrten durch die Provinz mit dem Ein- und Auspacken all der Gerätschaften täglich vollauf zu thun; denn ebenso wie dieses „Hotel”, so sind auch alle anderen in Schantung, nur daß die Mehrzahl bei weitem nicht so reinlich und verhältnismäßig so frei von Ungeziefer waren, wie dieses historische deutsche Hauptquartier in Kiautschou.

Da ich mit offiziellen Empfehlungsschreiben seitens der chinesischen Regierung reiste, so meldete sich bald nach meinem Eintreffen ein Yamenbeamter, der mir die große rote Visitenkarte des Präfekten überbrachte. Chinesische Etikette erfordert es, daß man die eigne Visitenkarte, mit Namen und Titeln in chinesischen Schriftzeichen, durch den Beamten zurücksendet und sich bei dem Stadtmandarin zum Besuch anmeldet. Der erste Besuch, den ich Seiner Ehren, dem Präfekten Lo machte, war nicht ohne Interesse. Allein mit Bedauern denke ich heute an die kostbare Zeit zurück, die in jeder einzelnen der vielen Städte und Marktflecken in Schantung mit den Besuchen und dem Empfang der Gegenbesuche seitens der Mandarine verloren ging. Jeden zweiten oder dritten Tag kam ich in eine Stadt, und statt mich sofort an die Besichtigung derselben machen zu können, mußte ich die ersten zwei oder drei Stunden derlei gesellschaftlichen Erfordernissen opfern. Wie der bezopfte alte Lo, so empfingen mich auch alle anderen Mandarine in vollem Staatskleide, umgeben von ihren Sekretären, Beamten und Ehrengarden, in der Haupthalle ihres Yamens. Die drei großen Höfe, die ich dabei zu durchschreiten hatte, waren gewöhnlich von vielen Hunderten Neugierigen gefüllt, von denen der größte Teil einen Europäer überhaupt zum erstenmal erblickte. In der Haupthalle angelangt, führten die Anwesenden vor mir den Kautau aus, indem sie sich mit vor der Stirn gefalteten Händen bis nahe dem Boden verbeugten. Dann führte mich der Mandarin zu einem der beiden im Hintergrund befindlichen Stühle, nahm aus den Händen eines Dieners eine Tasse Thee und stellte sie auf das zwischen den Stühlen stehende Tischchen. Dann erst nahm er Platz und die Unterhaltung begann mit Hilfe meines Dolmetschers. Leider verlangt es die Höflichkeit, nicht früher aufzubrechen, bis der Mandarin seine Theetasse zum Munde führt, und das dauerte mitunter sehr lange, denn ebenso begierig wie ich es war, die Verhältnisse in Schantung kennen zu lernen, ebenso begierig waren auch die Mandarine, etwas über Deutschland zu erfahren, das sie ja nur dem Namen nach kennen. Geographie wird in den chinesischen Schulen nicht gelernt.

Kaum war ich nach diesen Besuchen nach Hause zurückgekehrt, so ließen sich die Mandarine, in mancher Stadt drei oder vier hintereinander, zum Gegenbesuch anmelden. Den Vortrab bildeten Soldaten und Yamendiener, die zuweilen die großen phantastischen Paradewaffen trugen, dann kam die von vier Dienern getragene, von einem großen roten Zeremonienschirm beschattete Sänfte, in welcher der betreffende Mandarin saß, und die Kautaus, Theezeremonien und langweiligen, überall ziemlich gleichen Gespräche begannen von neuem, bis ich durch das Erheben meiner Theetasse das Zeichen zum Aufbruch gab.

Segelschubkarren.

Kiautschou hat von seiner einstigen Größe noch recht viel Reichtum und Industrie bewahrt, auch der Handel mit dem Inlande ist noch ziemlich rege. Die Stadt besitzt reizende Tempel und zahlreiche Steindenkmäler in Gestalt von Ehrenpforten, in den Geschäftsstraßen reiht sich Laden an Laden, in denen die fleißigen Zopfträger unter den Augen der Passanten Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter, Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, Tapeten mit chinesischen Ornamenten bedrucken, spinnen, weben, nageln, hämmern, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Ja, ich fand in wenigen Städten so viel Industrie wie hier, und die Stadt wird durch die geplante Eisenbahn von Tsingtau nach der Hauptstadt Tsinanfu gewiß viel gewinnen, denn was Schantung vor allem anderen braucht, sind Schienenwege. Als ich nach zweitägigem Aufenthalte mit meiner umfangreichen Karawane aufbrach, um durch die große Ebene nördlich von Kiautschou nach Weihsien zu reisen, bekam ich den ersten Vorgeschmack der gegenwärtigen Verkehrsrouten. Die einzelnen Dörfer und Städte in der ganzen Provinz sind nicht etwa durch Straßen oder auch nur Landwege miteinander verbunden, die irgendwie von den Mandarinen unterhalten werden, sondern Karren, Reiter, Fußgänger schlagen einfach die nächste Richtung nach ihrem Ziele ein, und ihren Spuren folgen die Nachkommenden, so daß allmählich eine breite, tief ausgefahrene Route in dem weichen Alluvialboden entsteht, im trockenen Herbst und Frühjahr mit knietiefem, feinem Staub bedeckt, im Winter festgefroren, in der sommerlichen Regenzeit mit knietiefem Wasser angefüllt. Selbst die wichtigsten Verkehrsstraßen, wie jene zwischen dem einzigen Handelshafen von Schantung, Tschifu, nach der Hauptstadt, und die große, vom Jangtsekiang quer durch Schantung nach Peking führende sogenannte Kaiserstraße sind nicht viel besser, so daß man sich die Annehmlichkeiten des Reisens in der deutschen Provinz von China leicht ausmalen kann. Ermattet, ausgehungert, mit fingerdickem Staub bedeckt, kam ich nach den langen Tagemärschen in mein Nachtquartier, und in den Dorfherbergen war zuweilen das Wasser so schmutzig und übelriechend, daß ich ein paar Flaschen Apollinariswasser opfern mußte, um mich zu reinigen. Die große Mehrzahl der Mandarine und fast alle Kaufleute, die ich sprach, begrüßen die kommende Eisenbahn als einen Segen, und daß dem Bau dieser Eisenbahn keine übergroßen technischen Schwierigkeiten entgegenstehen, konnte ich überall erkennen. Von Kiautschou dehnt sich eine ungeheure, fast durch gar keine Erhebung unterbrochene Ebene in nördlicher Richtung quer durch Schantung und die Provinz Petschili bis nach Peking aus; die auf den meisten Karten verzeichneten Gebirge sind dort nicht vorhanden und erheben sich nur im mittleren Teile von Schantung, so daß sie von der nach der Hauptstadt Tsinanfu geplanten Eisenbahn, ohne einen Umweg zu machen, umfahren werden können. Die Mehrzahl der auf den Karten verzeichneten größeren Flüsse sind einen großen Teil des Jahres über wasserlos und erfordern keine schwierigen Brückenbauten. Auch bezüglich der zu erwartenden Einnahmen braucht man sich keinerlei Sorgen hinzugeben. Ich war auf der Reise nach der Hauptstadt überrascht von der großen Zahl volkreicher Städte und Dörfer; nach jeder halben Wegstunde stieß ich auf ein Dorf von mehreren hundert Einwohnern; häufig sah ich in meiner Sehweite im Umkreis Dutzende von Dörfern, durch die hohen Weiden und Eschen, welche ihren Hauptschmuck bilden, leicht erkennbar, von wirklichem Elend bekam ich nichts zu sehen. Und wenn in manchen Jahren der große Uebelthäter von China, der Hoangho, ungeheure Länderstrecken überschwemmt, wenn in verschiedenen Gebieten heftige Regengüsse oder anhaltende Dürre die Ernte vernichten, so ist dafür in anderen Gebieten der Ertrag der Ländereien an Weizen, Hirse, Bohnen, Reis und anderen Früchten so groß, daß der stellenweise entstehenden Hungersnot gesteuert werden könnte, wenn nur Transportwege vorhanden wären, um den Ueberfluß eines Gebietes nach dem notleidenden anderen schaffen zu können. Aber diese Transportmittel sind der Hauptsache nach Schubkarren, welche von Kulis gelenkt werden. All die zahlreichen Produkte der ungemein fruchtbaren und dichtbevölkerten Provinz, Kohle, Eisen, Lebensmittel, Seide, Wolle, Stoffe, Glas- und Töpferwaren, werden auf Schubkarren verfrachtet, und selbst der Passagierverkehr bedient sich hauptsächlich dieser primitiven Fuhrwerke.

Kaiserliche Pavillons im Park des Confuciustempels in Kiu-fu.