Tientsin.
Von Tientsin wird im Abendlande vielfach als von einer Seestadt, dem Hafen Pekings und der Hauptstadt der Provinz Petschili, gesprochen; aber alle drei Bezeichnungen sind nur in beschränktem Grade richtig. Tientsin ist keine Seestadt, sondern liegt etwa fünfzig Kilometer vom Meere entfernt; es ist wohl in mancher Hinsicht der Vorhafen von Peking, hat aber die Hauptstadt des Reiches der Mitte an Bedeutung und Größe weitaus überflügelt. Während man Peking als eine Millionenstadt anzusehen pflegt, besitzt es thatsächlich kaum eine halbe Million Einwohner; dagegen hat Tientsin deren weit über eine Million und ist nach Canton die bevölkertste Stadt von China, in seinem Verhältnis zu Peking etwa ähnlich wie Amsterdam oder Rotterdam zum Haag; Tientsin ist auch nicht die Hauptstadt der Provinz Petschili, diese ist das kleine Paoting-fu. Der Umstand, daß der letzte Vicekönig der Provinz, Li-Hung-Tschang, den größten Teil des Jahres in Tientsin zu verweilen pflegte, mag die Ursache dieses Irrtums sein.
Der chinesische Glücksgott.
Tientsin, zu deutsch Himmelsfurt, ist im Grunde genommen eine Inlandstadt, rings umgeben von weiten, vollkommen flachen Niederungen, in denen man vergeblich einen Felsen oder auch nur einen Stein suchen würde. Auf Hunderte Kilometer nach Nord und Süd ist das Land Alluvialboden, die Anschwemmung des von Nordwesten kommenden, wasserreichen Peihoflusses, zu deutsch „Fluß des Nordens”, dessen Schlamm- und Erdmassen mit der Zeit die Westhälfte des Golfs von Petschili ausfüllen werden. Schon jetzt wird die Schiffahrt in dem Golf durch zahlreiche Untiefen erschwert, und die Barre, welche der Peihofluß vor seiner Mündung aufgeworfen hat, macht es den Dampfern unmöglich, zur Ebbe in den Fluß einzufahren. Richten die Seedampfer ihre Abfahrtszeit von Shanghai oder Tschifu nicht so ein, daß sie zur Flutzeit die Peihomündung erreichen, so müssen sie vor der Barre liegen bleiben, und oft sehen die Passagiere der ankommenden Dampfer dort ein Dutzend oder mehr Schiffe vor Anker liegen.
Haben die Lotsen die Dampfer glücklich über die Barre geführt, so dauert es immer noch einen Tag Flußfahrt, um Tientsin zu erreichen, denn obschon die geradlinige Entfernung von dieser Handelshauptstadt des nördlichen China nur etwa fünfzig Kilometer beträgt, muß das Schiff doch auf seiner Fahrt den vielen Flußwindungen folgen, welche diese Entfernung mehr als verdoppeln. Diese Flußfahrt ist wohl eine der eintönigsten, die man unternehmen kann, an jene auf dem unteren Mississippi zwischen dem Golf von Mexico und New-Orleans erinnernd. Ganz wie dort, befindet sich auch hier an den schlammigen Mündungen ein elendes Dorf, die Wohnungen der Lotsen und Fischer enthaltend, das in der neuesten Geschichte Chinas so berühmt gewordene Taku, zu deutsch Große Mündung. Von der Schiffsbrücke gewahrt man in der Ferne die langen Linien der Takuforts, welche auf Veranlassung Li-Hung-Tschangs zum Teil von deutschen Ingenieuren erbaut und mit deutschen Geschützen armiert worden sind. Je weiter der Dampfer stromaufwärts dringt, desto zahlreicher werden die menschlichen Ansiedelungen, elende Dörfer mit strohgedeckten Lehmhütten, deren Farbe von jener der weiten staubbedeckten Ebene kaum absticht. Soweit man sehen kann, kein Baum, kein Strauch; Grabhügel sind streckenweise die einzigen Erhebungen über dem Boden, Gräber, Tausende und Abertausende an der Zahl, einzeln oder gruppenweise beisammen, wahre Totenstädte. An manchen Stellen werden sie von hohen, schmutzigweißen Salzpyramiden oder Ziegelbrennereien überragt.
An den Ufern des schmutziggelben, etwa ein Kilometer breiten Stromes tummeln sich zwischen zahllosen schwarzen Schweinen nackte Kinder umher und baden sich in der Brandung, welche der Dampfer aufwirft. In der Umgebung der Dörfer arbeiten fleißige Mongolen in den Getreide- und Reisfeldern. Mit einem ungeheuern Strohhut als einziger Bekleidung, versetzen sie die zarten Reispflanzen, graben oder schöpfen Wasser aus dem Fluß; an manchen Uferstellen knarren und quietschen Wasserräder, von Büffeln getrieben, auf deren Rücken kleine Chinesen hocken; hier und da wird das Wasser auch von Windmühlen emporgehoben, die aber nicht, wie die unserigen, ihre Segel auf senkrechten, sondern auf wagerechten Flügeln tragen und aussehen wie riesige Haspelräder. Armut und Elend, wohin man blickt. Selbst die zahlreichen Dschunken, welche den Fluß bevölkern, sehen ärmlich und schmutzig aus im Vergleich zu jenen von Canton und Futschau.