Akademische Vergnügungen.
Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beiträgt, die geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu fördern, ist die, daß man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit landschaftlich schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten Universitäten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der Campus, d. h. das Gelände der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, mit Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch ein üppiger alter Baumwuchs der schändlichen Waldvernichtung der ersten Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander gedrängt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so daß die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist selbstverständlich überall reichlich gegeben, wie man sich denn überhaupt einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht vorstellen kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung oder gar gefährliche Versuchung für die jungen Leute. Was sie brauchen an edler geistiger Zerstreuung, [pg 55]an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich selbst in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universität herum und verdienen sich ein hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht selten dazu verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen zu lassen und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl gar hauptstädtische Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer und bevorzugten Schüler der Berkley-University von Kalifornien alljährlich in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und Blockhütten, die zum Teil im Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia gigantea) errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel. Bohemian Jinks nennen sie diese Freilichtspiele (etwa „zigeunerische Luftsprünge“ zu übersetzen), für die sie aus eignen Kräften Dichtung, Musik, Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von jungen Männern dargestellt. Im übrigen sorgt die an den meisten Hochschulen bestehende Coeducation (kurz Coed genannt) dafür, daß die jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein best girl, mit dem er [pg 56]„geht“, wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften sind aber durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der collage des französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme auf die weiblichen Studenten zu.
Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den gemischten Universitäten. Ich wüßte nicht, wo ein junges Mädchen mit starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die schier fabelhaften Bildungsmöglichkeiten, die hier den Töchtern der Neuen Welt geboten werden. 17 männliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und Assistenten lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte 1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, die der Schüler, bei durchschnittlich 5 wöchentlichen Stunden, auf den betreffenden Gegenstand verwendet haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung angekündigten Vorlesungen aufzählen:
Wissenschaftliche Speisekarte für Damen.
| 1. | Elementarkursus, Grammatik, Übungen im Sprechen, Lektüre, Auswendiglernen von Gedichten. |
| 2-4. | Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte. |
| 5. | Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik und Stil. |
| 6. | Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen im mündlichen und schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in Amerika erschienener Texte. |
| 7. | Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß an die Literaturgeschichte. |
| 8. | Geschichte der deutschen Sprache. |
| 9. | Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Götter- und Heldensagen). |
| 10. | Goethes Leben und Werke. |
| 11. | Das Drama des 19. Jahrhunderts. |
| 12. | Der deutsche Roman. |
| 13. | Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs. |
| 14. | Literaturgeschichte bis Goethe. |
| 15. | Mittelhochdeutsch. |
| 16. | Die romantische Schule. |
| 17. | Lessing als Dramatiker und Kritiker. |
| 18. | Schiller als Philosoph und Ästhetiker. |
| 19. | Goethes Faust. |
| 20. | Schillers Leben und Werke. |
| 21. | Stilübungen. |
| 22. | Gotisch. |
| 23. | Die deutsche Lyrik und Ballade. |
| 24 u. 25. | Studien zur modernen deutschen Sprache. |
Typus der Studentin.
Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische Sprache und Literatur, 21 über Geschichte, 29 über Hygiene und körperliche Ausbildung, wobei Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind. Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und Literatur, 11 über reine und 5 über angewandte Mathematik, 18 über Musik, 29 über Philosophie und Psychologie, 19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über Astronomie usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs nach ihrem Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist ihnen vorgeschrieben, und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, daß ihnen die niederen Grade geläufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu vergnügen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehören, ihre eignen Häuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages sich darbieten. Das Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Fächer sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser Akademie, die sich also darauf beschränkt, den jungen Damen eine humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch nur einigermaßen der landschaftlichen Schönheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller praktischen Ein[pg 59]richtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht sein sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb gesunden, ein bißchen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Bürgertöchter der städtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit Coed. Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Töchtern der vornehmeren Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen letzteren die spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt daher, daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf für sich betrachtet, als ein Kapital, das unter allen Umständen sich reichlich verzinst. Die jungen Schönheiten suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt der Amüsierlinge begnügt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen Höhe des englischen, dagegen noch beträchtlich unter der des französischen und deutschen Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit gebildeten Menschen reden dürfe – und man wird sich selten enttäuscht sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen Töchterchen, ohne sie gerade [pg 60]zu Gelehrten zu machen, eine solide weltläufige Bildung zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes mitbringen sollten, als einen abgehärteten geschmeidigen Körper, vernünftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als was die üblichen Pensionate der französischen Schweiz oder die Klosterschulen für die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.
Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes.
Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten, gerade für uns sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein vernünftig bedünken, daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20. Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende Kraft des ungebärdigen Jünglings bezw. des lebenshungrigen Mädchens nicht sofort in eine schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem Wohlwollen und Verständnis für die Jugend geleitet wird. Es ist überaus bezeichnend, daß, wie die kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete Umfrage bei einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen hat, außer den späteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmännern und Theologen, fast sämtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit für die schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt in Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schüler- und Studentenzeit als auf die schönste seines Lebens zurückblickt. Mögen unsere höchsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich für die besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer [pg 61]acht gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten, die alljährlich unseren Universitäten zustreben, doch nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universität die denkbar beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten willen aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen Gedanken, wohl aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen wäre, durch ein System vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes Schrecknis bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, es ist auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich in den Köpfen der Auserwählten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme Volksfeindschaft hineintreibt und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in ihnen groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. Sollte nicht schließlich ein junges Geschlecht von frohen, für die höchsten Berufe der Gegenwart gut ausgerüsteten Akademikern auch unserer Nation von größerem Werte sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch eine teilweise Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzügen nichts einbüßen würden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden, ebenso wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers und Studenten bleiben, einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen Philosophen, Dichter, schöpferischen Forscher hervor[pg 62]gebracht, weil ihr Schulsystem zu diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der starken Inanspruchnahme aller geistigen Kräfte durch rein praktische Aufgaben überhaupt noch gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft und eine nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den verschiedenartigen Völkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan sein wird, daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich viel geändert werden müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der Studierenden werden selbstverständlich gleichen Schritt halten mit denen der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; für Amerika ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die beliebten demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es wird aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der wissenschaftlichen Kritik sich überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt gebieten läßt, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es große Künstler und originale Denker hervorbringe. In [pg 63]den regsamsten Köpfen, in den tiefsten Gemütern dieses Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate europäischer Arbeit nützlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege und Setzer neuer Ziele werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf, welchen die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge der Wanderredner und besonders gemeinnützige Institute, wie die Sommerschule in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europäer werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch länger unseren Vorrang des weisen Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß man von der Jugend immer lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber schwerlich jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann keinen verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben Höchstzielen wahrer Kultur nach.