Spitzbüberei als guter Sport.
Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszuprägen, besonders wenn man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer, der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute wie in den Vereinigten Staaten hätten sie drüben in England doch nicht, kaltblütig erwiderte: „O ja, die haben wir auch – aber bei uns sitzen diese Herren alle im Zuchthaus.“ Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten seiner großen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, und denen, auf die er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drüben, in deren Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Höhenmenschen. So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in welchen nur Männer aufgenommen werden können, die irgendeine bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen [pg 282]haben. Am 26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der weltbekannten Industriefürsten angehörte, die Gelegenheit eines festlichen Frühstücks im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preußen das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel darzubieten. Ungefähr 150 Einladungen ließen sie ergehen an jene Captains of Industrie, wie Thomas Carlyle sie genannt hat: „Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht bloß eingebildeten Aristokratie!“ Bei diesem denkwürdigen Frühstück wurde nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren die bloßen smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft überreicht, in dem die Eingeladenen dem Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert war. Die „New Yorker Staatszeitung“ sagte von diesem Frühstück: „Der erlauchte Bruder des deutschen Kaisers und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag der Augsburger Fugger, Fürsten des Handels, Baumeister unserer Größe. Es waren nicht lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten ausschließlich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen verstehen und die unseren Nationalwohlstand begründen halfen.“
Die wahren Exzellenzen.
Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fürst der Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert worden wäre. Wenn unsere gekrönten Häupter reisen, so bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte, Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter wackere und verdienstvolle Staatsbürger; aber die wahrhaft führenden Köpfe, die genialen Organisatoren, die Träger der modernen Ideen – jene Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne – jene Hervorleuchtenden – sie finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der Eifer der intimen Hüter des Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt dafür, daß von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck über die Grenzen des beschränkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in dem Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler und Dichter, die Verkünder einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und gefährlichen Fackelträger – sie mußten fehlen, weil sie drüben noch nicht vorhanden sind, diese Kulturblüten schwer von dem Honig einer glorreichen Vergangenheit.
Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine Hülle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? Vielleicht wird diese Schüssel nicht, wie drüben in dem Lande der unerschöpflichen Naturschätze, von purem Golde sein können – aber das Hirn wird sich sehen lassen dürfen!
Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher:
| Dr. Otto Ernst Hopp, „Bundesstaat und Bundeskrieg in den Vereinigten Staaten“. Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886. | |
|---|---|
| Mc. Laughlin, „History of the American Nation“. Verlag Appleton & Co. New York 1903. | |
| Paul Bourget, „Outre Mer“. Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905. | |
| Georg von Skal, „Das amerikanische Volk“. Verlag Egon Fleischel & Co. Berlin 1908. | |
| Dr. Hintrager, „Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?“ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904. | |
| Wilhelm von Polenz, „Das Land der Zukunft“. Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1905. | |
| Ludwig Max Goldberger, „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903. | |
| A. von Ende, „New York“. Verlag Marquardt & Co. Berlin. |