Die alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere Erzieher ihrer Kinder sind als ältere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende Bestätigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger der Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief befangen in dem glückseligen Taumel des Kraftüberschusses, daß sie ihre klügsten wie ihre dümmsten Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung verüben und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gutschreiben, was sie oft doch nur glücklichen Umständen zu verdanken haben. Der leichte Erfolg, der den kraftvollen und rücksichtslosen Ausbeutern jenes jungfräulichen Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil wurde, hat die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswürdigste Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt vor keinem Hindernis und tröstet sich über alle Schwierigkeiten hinweg mit dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen! Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin, so erwidert der Yankee gut gelaunt: „Nun ja, Sie mögen recht haben; aber Sie sehen ja, wir leben auch so, und wir leben recht gut!“ Man läßt sich alle Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel, von absoluter geistiger Öde und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Übergänge von eisiger Kälte zu glü[pg 33]hender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlandsliebe des amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverständlich alles Amerikanische als das Beste, das Größte, das Schönste in der Welt, und das jünglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für unsinnige Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und lärmende Vergnügungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben, alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltägliche Erscheinungen.
Kinderzucht.
Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene Menschen für das Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verständnis haben müssen, als das gesetzte, bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige Kritik und damit sehr häufig auch den steten mißmutigen Zweifel gelernt hat. Die geistige Überlegenheit hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr gerät sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es andererseits richtig ist, daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend besser zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so sind zweifellos junge Völker uns als Erzieher überlegen. Der Yankee vergöttert sein Kind. Erstens einmal, weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, daß eine so stolze, exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein müßte, die Reich[pg 34]tümer ihres Landes und die vielen glänzenden Lebensaussichten lieber ihrer eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzuführen, als sie den einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser nahe liegenden Erwägung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten mehr als zwei Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen Stellung, die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war in den ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwürfigen Verehrung. Der glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglichkeit zu gewähren, ihre Schönheit, ihre geistige und körperliche Beweglichkeit bis ins Alter zu pflegen. Die Ansicht, daß es für den Mann die denkbar größte Schande sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, daß sie unter den besonderen Verhältnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande noch verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden mußte. So wurde also auch das Wochenbett unter die schweren körperlichen Leistungen gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die wenigen vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten bei diesem Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den günstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begüterte, sondern auch das auf [pg 35]seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten Staaten hat, erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben durchaus nicht höher eingeschätzt wird, als die eines Mädchens. Eine vernünftige Säuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft über den ganzen Kontinent. Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nachsicht den Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhörte Roheit. Kinderzucht in unserem Sinne wird drüben wohl nur noch von manchen der eingewanderten Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien versucht, aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den Vergleich belehrt, daß sie es nicht nötig haben, sich in dem freien Lande eine unwürdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und unerträglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten, deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich die erdenklichste Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu stimmen und behandeln die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem Alter der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die Kinder auch sehr frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den untersten Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unternehmern, zu fixen kleinen Handelsleuten macht.
Lügner und Duckmäuser.
Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche Bezeichnung hat man allgemein übernommen), sowie Volksschule (Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder Universitäten. [pg 36]Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämtlicher eingewanderter Fremdvölker sofort für die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grundsatz eingetrichtert, daß alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die Verfassung der Vereinigten Staaten wird als höchste Leistung idealen demokratischen Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und edler, vernünftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen Heldenbeispielen nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes gilt als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der übrigen Welt dagegen als unbeträchtlich. So vernünftig und so schön nun auch dieser heiße Eifer in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er doch naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen und Unterschlagungen von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefärbten Darstellungen der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten Schulbuch, „History of the American Nation“ von Andrew C. Mc Laughlin, Geschichtsprofessor an der Universität von Michigan, das ich mir zu meiner eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte Spalten umfassenden Index das Stichwort „German“ gar nicht vor! Der große und rühmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als Kämpfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit Stillschweigen übergangen und nur der Baron Steuben flüchtig als nützlicher militärischer Drillmeister erwähnt! [pg 37]Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht dazu stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der häuslichen wie der öffentlichen Erziehungskunst laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch die eigene Beobachtung genügend bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer Erziehung gelinge, feige Lüge und Heuchelei den Kindern schimpflicher erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche des Übermuts und sogar Ausbrüche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es sein Vorteil erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau – seine Lügenkünste werden sogar, wenn er Geschäftsmann und Politiker ist, als smartness bewundert – aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so leicht zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor Prügeln und sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch die Schule läßt keinerlei Duckmäuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung, anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus, das Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist außerordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschämung. Dadurch, daß sie die Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch einschätzt als die geistige Befähigung, schafft sie auch für die minder Begabten, aber wenigstens körperlich gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit, ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die sowohl in den Athletiks wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im Laufe der Schuljahre in [pg 38]den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücherpreisen und dergl., und diese Trophäen aus der Schulzeit machen noch in höherem Alter den größten Stolz der Inhaber aus.
Schülerverbindungen.
Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute. Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der meisten anderen Völker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die Lehrkräfte sind zum überwiegenden Teil weibliche) einer großen Klasse von tobsüchtigen Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber vor. Schlagen darf sie nicht, auch wenn sie körperlich imstande wäre, diese wilden Rangen zu bewältigen. Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzählt in seinem Buche „Das amerikanische Volk“ ein hübsches Beispiel, wie solch eine schon fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde. Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt, sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, sie möchten sich gefälligst allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte zu wählen und mache dann diese selbstgewählte Regierung für Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene common sense, d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu, den besten und gesittetsten Schüler der Klasse zum Präsidenten und den stärksten und gewalt[pg 39]tätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und der Vizepräsident, als Haupt der Exekutive, verprügelte eigenhändig die unbotmäßigen Elemente dergestalt, daß sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen. Die Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle im amerikanischen Schulwesen. Schülerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns unterdrückt, sondern im Gegenteil begünstigt. Die Lehrer unterweisen diese Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur darüber, daß keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen stattfinden. Der schlimme Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines studentischen Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universitäten nicht existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit aller Schülerverbindungen auf Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachäffung des politischen Lebens im kleinen, auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist denn auch der, daß der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten die rhetorische Phrase außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzüglichen Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlässig den im allgemeinen äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen [pg 40]Einwanderer durch deren Kinder erziehen läßt. Selbstverständlich erlernen diese die englische Sprache sehr viel rascher und gründlicher als die Eltern und werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind, das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Nötige zur Behebung solcher Mängel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fühlen sich so beschämt durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen auch bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die Pflege des Drecks ein Gegenstand religiöser Überzeugung ist, durchsetzen werden, daß um der Schule willen Seife, Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen der Eltern; oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schämen und bringen es noch auf ihre alten Tage über sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den sie aus Europa oder Asien über das Weltmeer mit hinüber gebracht haben, den ungemütlichen Idealen moderner Hygiene zu opfern.