So hatte die Freundschaft ein jähes Ende. Furchtbare Drohungen wurden ausgestoßen, doch blieb es dabei. Sie wußten gegenseitig zuviel „auf einander“ und keiner konnte wirksam den andern verpetzen, ohne selbst mit hineinzufallen. Eine kleine Genugtuung für Fritz war es, daß er die Einstellung der monatlichen Unterstützung an Schneider Josef durchsetzte. Zuerst hatte Kolarczik wohl gedroht, Fritzens Eltern „alles zu sagen“. Aber Fritz hatte ihm wütend entgegengehalten, daß erstens der Sanitätsrat einen so schmierigen Jungen wie den Kolarczik gar nicht einmal anhören würde. Und wenn schon, und wenn er, Fritz, auch totgeschlagen würde — vorher würde auch er noch „alles sagen“ — von der Kostbude, und dem Verhältnis zu der Witwe, und alles überhaupt — und dann würden sie alle aus der Schule hinausgeschmissen, und die Witwe würde sicher eingesperrt. Da hatten sich Kolarczik und Schneider zähneknirschend gefügt. Denn des einen Mutter wie des andern Vater befaßten sich zwar selten mit der Erziehung ihrer Sprößlinge, dann aber höchst gründlich, und schlugen beide keine schlechte Klinge. Und Fritzens Rachsucht kannten sie. Er war „ein Luder“!
Noch eine Folge hatte das Ereignis: als Gretl wieder einmal vom „Krieg“ hören wollte, sagte ihr der Bruder mit dürren Worten, daß er all die Geschichten nur erfunden habe. Gretl stürzte aus allen Himmeln — Lüge war ihr überhaupt unfaßbar — und nun eine so ausgedehnte, furchtbare, durch Jahre hingesponnene Kette von Lügen! Die blinde Verehrung, die sie dem Bruder für seine vermeintlichen Heldentaten gezollt — die rasende Selbstüberwindung, die sie aufgebracht hatte, um das Geheimnis zu wahren — die Gebete vor dem Schlafengehen, der Bruder möchte bei dem heimlichen Verlassen des Hauses oder morgens bei der Rückkehr nicht erwischt werden —: alles umsonst! Sie weinte fassungslos. Es war die erste große Enttäuschung.
Wenn ihn auch die Ablehnung der Schwester, die gehässige Verachtung der ehemaligen Freunde schmerzten, so fühlte Fritz doch starke Erleichterung bei dem Gedanken, daß er sich hinfort nicht mehr anzustrengen brauchte, die einmal erfundenen Lügen krampfhaft durchzuhalten. Und fein war es doch! Der Schneider Josef war ja ein Trottel — aber daß Kolarczik, der alte Gauner, ihm so lange geglaubt hatte — das war schon was wert! — Wegen Gretl schlug ihm wohl das Gewissen — sie hatte so blind vertrauensselig geglaubt. Und war nun so furchtbar traurig. Das sah er nicht gern.
Doch hatte diese Entfremdung auch ihr Gutes: Seit der Storchgeschichte war er fest entschlossen, der Schwester nie wieder von gewissen Dingen zu reden. Und wieviel Geheimnisse hatte er nun zu hüten: Das Rauchen, Trinken, die gelegentlichen Griffe in den Weinkeller, sein reiches Wissen um „die Weiber“, und vor allem: Betty. Mit der war er zu einem merkwürdigen Zustand gekommen: wo immer er sie erwischte, fing er mit ihr zu raufen an, und sie hielt ihm meist leidenschaftlich Widerpart. Er boxte sie heftig, rang mit ihr, warf sie zu Boden oder auf ein Sofa — sie ließ ihn mit heißen Augen gewähren, preßte ihn an sich, zog ihn mit in ihren Sturz. Dann fühlte er durch das dünne Kleid die weiche warme Mädchenbrust und glaubte zu vergehen in dunkler Sehnsucht. Oft endeten diese Zwischenfälle eigenartig — das Mädel machte sich plötzlich aus seiner Umschließung frei, wehrte ihn derb ab, wenn er sie halten wollte, blitzte ihn verächtlich an und lief davon. Einmal nannte sie ihn sogar einen dummen Jungen. Fritz blieb gedemütigt, ratlos zurück und brütete Rache.
Abends beschwerte er sich bei der Mutter, daß seine Schuhe und Kleider so schlecht geputzt würden. Und Betty bekam einen scharfen Verweis.
28
Weitaus das langweiligste aller Schulfächer war der katholische Religionsunterricht. Doch man durfte sich nichts merken lassen, denn der Katechet war aus Härte und Milde unberechenbar gemischt, und wen er einmal „auf dem Strich“ hatte, der durfte sich vorsehen. Fritz war ohnedies nicht sein Liebling, denn Felix war während seiner letzten Schuljahre in dem Verdacht gestanden, daß er „nichts glaube“ — und das Mißtrauen hatte sich auf den jüngeren Bruder übertragen. Gegen Menschen aber, von denen er fühlte, daß sie ihn nicht bedingungslos liebten, empfand Fritz sofort Haß, der, je nachdem, mit Furcht oder Rachgier gemengt war. Den Katecheten also haßte er leidenschaftlich — doch was konnte er ihm zum Trotz tun? Der Katechet war nahezu allmächtig in der Lehrerkonferenz; der Rektor war streng klerikal.
Die Klasse hielt bei der katholischen Liturgie. Der Katechet verbreitete sich salbungsvoll und eindringlich über das umständliche Zeremoniell einer Bischofsweihe — wieviel assistierende Priester, wieviel Ministranten, wieviel Rauchfässer, und in welcher Reihenfolge sie geschwungen werden müßten. Fritz belauerte jedes seiner Worte, um einen Anlaß zu geheimem Spott zu erhaschen, einen Zungenfehler etwa, oder eine ungewollte Zweideutigkeit. Doch der Katechet versprach sich nicht, blieb nicht stecken — ölig und ungehemmt strömte sein Vortrag. Mit einem Mal schoß Fritz ein Gedanke durch den Kopf, so heftig und unvermittelt, daß er fast erschrak: „Das ist lauter Blödsinn, das Räuchern und Läuten — davon hat der Herr Christus nix gewußt!“ Entsetzt starrte er den Katecheten an, ob der ihm etwa die lästerlichen Gedanken von der Stirn ablesen würde. Doch nichts geschah. Die Stunde ging weiter. Beim Schlußgebet faltete Fritz zwar die Hände und bewegte die Lippen, die Worte aber sprach er nicht mit. Er summte nur den leiernden Tonfall der Klasse nach.
Abends ließ er, zum erstenmal und nicht ohne Angst, das Nachtgebet ungesprochen. Lange wälzte er sich schlaflos, kämpfte mit dem Wunsch, doch noch, im Dunkel, unter der Decke, die Hände zu falten und das Versäumte nachzuholen. Der Gedanke aber: wie wütend der Katechet sich ärgern würde, wüßte er, daß Fritz nun auch „nichts glaube“ — der Gedanke ließ ihn stark bleiben. Im Hochgefühl befriedigter Rache schlief er endlich ein.
In einer der nächsten Stunden kam der Katechet auf die unsterbliche Seele zu sprechen, die Alleingut des Menschen sei, und ließ sich abschweifend über die Unvernunft des Tieres aus. In Fritz hatte der Unglaube inzwischen kräftig Wurzel geschlagen und er verspottete insgeheim die kurzsichtige Verblendung des Lehrers. Zu Hause erwartete ihn, freudig bewegt wie immer, Flocki, ein schwarzer Zwergspitz, der, wie die meisten Familienhunde, bis zu hohem Grade zum Verständnis der menschlichen Gewohnheiten und Worte vorgedrungen war. Fritz stürzte auf ihn zu, mit stürmischen Liebkosungen, balgte, hetzte mit ihm, kniete endlich zu ihm nieder und fragte leidenschaftlich: „Flocki! — sie sagen, du bist unvernünftig! Flocki! Solche Esel! Was? Flocki!“ — Der Hund saß vor ihm und sah ihm starr ins Gesicht. Die Worte waren ihm fremd, und er suchte zu ergründen, was man von ihm erwarte. Der Junge wiederholte seine Frage, wilder, eindringlicher. Flocki verstand, daß man eine Gefühlskundgebung wünsche, bellte kurz auf und fuhr dem Jungen mit der Zunge ins Gesicht. Es war tatsächlich die beste Antwort, die er geben konnte. Fritz war begeistert, und da eben nichts Besonderes gegen ihn vorlag, wagte er sogar bei Tisch davon zu erzählen. Er sah genau, wie der Vater schmunzelte, und fügte, kühn gemacht, noch die Andeutung sonstiger Zweifel hinzu. Keine Zurechtweisung kam. Fritz war namenlos stolz. Nach Tisch aber rief ihn der Vater ins Arbeitszimmer. Da wich der Stolz rasch arger Beklommenheit — vielleicht kamen jetzt die Prügel nach? Man konnte nie wissen! Doch der Vater war nicht böse, sprach ganz freundlich: „Ich kann dich nicht tadeln, wenn du dir eigene Gedanken machst — du wirst ja allmählich ein großer Junge! Aber das bitte ich mir aus, daß du das für dich behältst, in der Schule natürlich sowieso, vor allem aber der Gretl gegenüber! Weh’ dir, wenn ich einmal erfahre, daß du dem Mädel etwa Grillen in den Kopf setzest! Merk’ dir das! Und jetzt geh!“ Und Fritz ging beseligt. Die Mutter kam ihm ins Kinderzimmer nach und sagte mit nassen Augen — sie war leicht gerührt —: „Da siehst du wieder, was du für einen guten Vater hast!“ Dann ließ sie ihn allein. Fritz wartete, bis sie aus dem Zimmer war, und äffte ihr stumm nach: „Ja, guter Vater! — Weil er mich nicht gedroschen hat, wie du wegen dem Storch! Und ihr glaubt’s ja alle beide selber nix! — Der Alte geht überhaupt nie einmal in die Kirche!“ — Und er kam sich groß und gereift vor. Dann schlich er ins Speisezimmer, wo Betty den Tisch abräumte; das Mädchen war ihm noch böse wegen seiner letzten Angeberei. Doch er brach ihren Widerstand, faßte sie kühn, wie nie zuvor, zwang sie auf die breite Ottomane nieder. Da kam plötzlich ein neuer Ausdruck in ihr Gesicht, sie wurde weich, widerstandslos unter ihm, ihre Schenkel wichen. — Er sprang auf und rannte atemlos davon.