37
Spätherbst in der Tiefebene. Grau verhängter Himmel, ewiger Sprühregen in der Luft, zäher, schlüpfriger Schmutz auf Wegen und Straßen. Alles Leben auf den weiten Feldern ist erstorben. Keine Gespanne mehr, kein Arbeitslärm. Drinnen in den Straßen stehen die häßlichen Kleinstadthäuser doppelt unwirtlich im Wasserdunst. Wochenlang keine Sonne. Kaum, daß ein fahler Schein im Osten oder Westen zeigt, wo sie froheren Menschen auf- und untergeht. Fritz liebt die Jahreszeit. Er wirft seine Mißstimmung, seine wehrlose Knabensehnsucht, seine Todeswünsche in diese Natur, die stumm und trostlos ein unabänderliches Schicksal trägt. Und die Erde, ertrunken in grauem Regen, saugt den Tropfen Unglück auf wie ein Meer. Fritz fühlt sich zwerghaft klein vor den toten Feldern, und doch getröstet. Was war das alles — der Jammer mit den Eltern, den Lehrern, mit den Freunden, die einen um ein Butterbrot verrieten? Nichts, weniger als nichts — noch nicht soviel wie ein Hauch, der die Nebel da draußen einen Augenblick lüften könnte. Er neidete der Erde ihre Leidensgeduld. Jeder Stein, jeder kahle Zweig, der widerstandslos die Zeit überdauerte, weckte seinen Neid. Wer sein könnte wie die Steine, wie Sträucher und Bäume, — ruhig liegen, warten, bis das Leben kam — oder nicht kam. — Oft warf er sich auf die Rasenränder an den Feldwegen, riß mit bebenden Händen dicke Grasbüschel aus, schleuderte sie mitten in den Schlamm der Wagengleise: Kein leisestes Zucken verriet Widerstand; sie lagen welk und dürr, ließen sich vom Morast verschlingen. — Und Fritz haßte glühend das Etwas in ihm, das ihn ewig von diesem toten Frieden in der Natur trennte, dies dunkel Bohrende, das ihn ewig trieb, Verbotsschranken heimlich zu überklettern; — heimlich, das war’s; denn zu offener Auflehnung reichte die Triebkraft nicht. Heimlich: das waren tausend Lügen an jedem Tage, stündliche Gewissensbisse, schaler Ekel oft — Betty, und der Alkohol, und Spaziergänge, wenn er lernen sollte. Heimlich: das war der Mensch. Hier draußen gab’s keine Heimlichkeit — hier paarte sich alles, wuchs und starb, und scheute kein Trieb das Licht. Und kein Weg von den Häusern, den Städten voll Lüge zu den Feldern der Wahrheit. Mensch bist du — und Lug und Trug, Haß und Neid, Rachsucht und der ewig geduckte Nacken, sie sind dein Los. Das trage du, bis die Erde dich wieder nimmt und aus deinen verwesten Knochen Gras und Blumen Nahrung gibt! —
Von solchen Spaziergängen brachte der Junge immer eine fressende Wut zurück. Verbissen ergab er sich allerlei verbotenem Tun, denn auch dafür boten die frühen Abende erwünschte Deckung. Man konnte auf öffentlichen Straßen und Plätzen rauchen, wenn man nur die geringe Vorsicht übte, die Glut der Zigarette mit der hohlen Hand zu verdecken. Man konnte sich draußen in der Vorstadt, bebend zwar, doch mit ziemlicher Sicherheit, in üble Spelunken wagen und für wenige Pfennige mitgebrachte Fläschchen mit starkem Fusel füllen lassen. „Rosoglio“ — das Wort weckte Vorstellungen von orientalischer Ausschweifung, übte zauberhafte Lockung aus. Das Getränk schmeckte dann süßlich fade, hinterließ Sausen im Kopf, bitteren Nachgeschmack und leichte Übelkeit. Doch lag die Schuld natürlich nicht an dem Wundertrank — die Knabenkehle war noch nicht ausgepicht, nicht erwachsen genug, und nur Übung und wieder Übung konnte hier den Meister machen.
In kleinen Bierschenken wurden auch studentische Bräuche fleißig vorgeübt, aus schmutzigen, dicken Gläsern Unmengen abgestandenen Bieres getrunken, daß mancher sich elend übergab. Das war Selbstzucht zum Manne. Dann hieß es, mit dem Überrock am Arm, nach Hause rennen und dabei fleißig Pfefferminz kauen. Ohne Überwindung konnte man auch das gute Abendessen zu Hause stehen lassen, Überanstrengung beim Lernen vorschützen und, je nachdem, ein wenig Mitleid einheimsen. Und überschwellend vor Bosheit, auf neue Lügen sinnend, endlich schlafen gehen und auf Betty warten, die spät nachts oft geschlichen kam und Bett und Zimmer mit dem Geruch ihres Haares und ihrer groben Wäsche erfüllte. Und in keinem Augenblicke seines Wachseins ließ ihn die Lüge los. Wenn nach keuchender Umarmung das Mädchen ihn fragte, scheu, demütig: „Hast du mich auch ein wenig lieb?“ dann zwang er sich ein „Ja“ ab und genoß schmerzhaft die eigene Niedertracht. Denn er haßte die Räuberin seiner Jugendkraft, haßte sie glühend, und seinem Trieb gesellte sich Mordlust.
38
Das Abiturium stand vor der Türe. Fritz schien gänzlich unberührt von dem bitteren Ernst der Stunde, betrieb nach wie vor das Studium lässig nebenbei und verließ sich frohgemut auf seinen guten Kopf. Grammatik, sein Schreckgespenst, kam ja bei der Prüfung nicht in Betracht. Und bei dem Übersetzen aus dem lateinischen oder griechischen Urtext konnte ihm nichts geschehen. Davor zitterten wohl einige der Musterknaben, die Grammatikbüffler und Paradigmenreiter. Die hatten sich, in sklavischer Anpassung an den Lehrplan, durch lange Jahre den Kopf mit wüsten Regeln vollgepackt, und keiner, auch der Klassenerste nicht, hatte es im Latein, geschweige denn in Griechisch, zu irgendwas wie Stil gebracht. Dafür saßen sie meist kläglich hilflos vor der Stegreifübersetzung aus dem Urtext. Denn über dem krampfhaften Aufpassen auf Vokabeln und grammatischen Aufbau ging ihnen der Zusammenhang verloren. Der Jahreszensur schadete das nicht. Denn für die Mehrzahl der Lehrer war die klassische Literatur nicht etwa ein Wert an sich, sondern immer nur Prüfstein für das grammatikalische Wissen. Wie der Kasernendrill sich im Manöver bewährt. Fritz, der bekannt faule Bursche, hatte ewig mit der Grammatik zu kämpfen gehabt, dafür aber ehrliche Liebe zu der behäbigen Redseligkeit des Homer gefaßt, oder zu dem würdigen Bürger Tacitus, dem oft und oft der Stolz auf die eigene Tüchtigkeit zwischen die Zeilen rutschte. Danach aber hatte nie jemand gefragt. Und der Junge empfand es als ausgleichende Gerechtigkeit, daß sich nun bei der Abschlußprüfung das Blatt wendete.
Die Mutter brachte von Stadtbesuchen immer wieder die Kunde, daß der und jener unter Fritzens Mitschülern, nach dem Zeugnis tiefbewegter Eltern, weit über jedes Maß, Nächte und Nächte lang studiere. Und knüpfte lehrhafte Ermahnungen daran und gerührte Bitten. Der Vater aber verrannte sich in Schwarzseherei und zeigte nicht übel Lust, den Jungen vor der Prüfung aus der Schule zu nehmen, um sich, wie er sagte, die Schande zu ersparen, daß einer seines Namens und Blutes mit Pauken und Trompeten durchfalle. Nur dem wortreichen Zuspruch alter Freunde gelang es, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Auch Felix und Max rieten dazu, den Versuch doch zu wagen. Die beiden galten nun beim Vater vorübergehend fast als Herren, denn Felix hatte mit Auszeichnung seinen Doktor gemacht, Max war mit gutem Rang zum Leutnant befördert worden. Ziemlich gleichzeitig waren sie in der Vaterstadt angekommen und bei den Familienfestlichkeiten zu ihrer Begrüßung bekam Fritz manchen Vergleich zu schlucken, der für ihn wenig schmeichelhaft war. Die Vergleiche ließen ihn ebenso kalt, wie die dünkelhaften Ratschläge, mit denen Felix ihn überschüttete. Wohl aber kränkte es ihn, daß auch Max, mit dem ihn von Kinderzeiten her ein froher, wenn auch heimlicher Rebellengeist verband, daß auch Max Ausdrücke wie „der Alte“ nicht mehr litt, immer sehr förmlich und salbungsvoll von „unserem guten Papa“ sprach und auch sonst seine Stimmberechtigung im Familienrat gewichtig hervorkehrte. „Wenn ich mich für dich bei unserem guten Papa verwende, dann erwarte ich aber auch ...“ Solche und ähnliche Redewendungen, die Max gerne brauchte, entfremdeten ihm den jüngeren Bruder.
Eine Woche vor der Prüfung wurde der Unterricht geschlossen, um den Abiturienten Zeit zur letzten Sammlung zu geben. An einem der letzten Schultage gab es noch großen Krach. Fritz hatte sich, leicht erschreckt über die immerhin erheblichen Lücken seines Prüfungswissens, mit Feuereifer auf das Studium gedrängter Leitfaden gestürzt, die in der Klasse von Hand zu Hand gingen. Nun war ihm für einen bestimmten Tag die leihweise Überlassung einer Aufgabensammlung zur Physik versprochen. Gerne wäre er zu Hause geblieben, doch erschien es als völlig aussichtslos, vom Vater die Erlaubnis zu erwirken. Also wählte er den Ausweg, sich während der ersten Unterrichtsstunde krank zu melden. Den Vormittag brachte er bei einem Kameraden zu und arbeitete mit ihm das Hilfsbuch glücklich durch. Nun begab es sich aber, daß nach Fritz noch ein halb Dutzend andere auf den Gedanken kamen, vorzeitig wegzugehen, so daß mit denen, die ohne weiteres zu Hause geblieben waren, rund ein Drittel der Klasse fehlte. Der Rektor konnte es sich nicht versagen, die Bürschlein, knapp bevor sie seiner Gewalt entrückt wurden, noch einmal seine Macht fühlen zu lassen und schickte den Schuldiener von Haus zu Haus, um nach den „Kranken“ zu sehen. Natürlich waren viele nicht zu Hause — so auch Fritz. Dafür wurden dann wieder Gruppen von vier und fünf betroffen, die in furchtbarem Tabaksqualm auf irgendeiner sturmfreien Kostbude büffelnd zusammenhockten. Als Fritz, leicht beklemmt, mittags heimkehrte, wurde er von der Mutter tränendüster empfangen und die Brüder brachen mit wuchtigen Worten den Stab über ihn. Der Vater nahm den Vorfall zum Anlaß, um sich des längeren über Fritzens Charakterlosigkeit auszulassen und die düstersten Prophezeiungen zu äußern.
Am nächsten Morgen gab es in der Schule ein Strafgericht. Der Rektor schwelgte, ein letztes Mal dieser Klasse gegenüber, im reichlichen Gebrauch von Blitz und Donner. Doch erwies es sich, daß alle zwölf Missetäter glaubhafte Ausreden, auch elterliche Zeugnisse zur Hand hatten — bis auf einen, Fritz. Ihm wurde nun anheimgegeben, bis zum Nachmittage ein elterliches, also zugleich ärztliches Zeugnis beizubringen, widrigenfalls er eine Karzerstrafe von drei Stunden zu gewärtigen habe. Der Junge war der Verzweiflung nahe und bat zu Hause flehentlich um Ausstellung des Zeugnisses. Der Vater lehnte es schroff ab: „Dir fehlt gar nichts, du bist nicht krank. Falsche Zeugnisse unterschreibe ich nicht. — Du hast dir die Suppe eingebrockt, nun löffle sie auch aus!“ Dabei blieb es. Dem Rektor schien es aber letzten Endes doch nicht geraten, allzu scharf zuzupacken — denn die elf anderen Zeugnisse waren naturgemäß alles eher als stichhaltig — und so gab er vor versammelter Klasse Fritz kund und zu wissen, daß ihm die rechtens verhängte Karzerstrafe in Gnade erlassen sei.
Eine Woche später begann das Abiturium. Am Morgen des zweiten Prüfungstages kam Fritz an die Reihe und bestand mit guter Durchschnittsnote. Seine erste Regung bei Verkündigung des Ergebnisses war Rachsucht und frohlockender Haß. Am liebsten wäre er dem Gorilla und dem Rektor an die Kehle gefahren. Doch bezwang er sich und stürzte grußlos aus dem grauen Steinbau hinaus auf die Straße, wo ihn die Brüder besorgt erwarteten. Sie wollten ihm zunächst nicht glauben, denn für sie war es nur die Frage gewesen, ob er auf zwei Monate oder auf ein Jahr durchfliegen würde. Dann aber zeigte Max ehrliche Freude über das kühne Stücklein, während Felix in seiner Anerkennung mit leisem Neid zu kämpfen schien: Da war also dem Jungen mühelos ein Erfolg zugefallen, um den er selbst bitter hatte kämpfen müssen. —