Kurze Fragen, deren hergebrachte Gleichgültigkeit geadelt wird durch die klingende Stimme und das Spiel der klaren Augen in dem edlen Gesicht. Dann beugt sich Guido in zärtlichem Abschied über die Mutter. Fritz küßt die kleine Hand, und seine Lippen zucken in plötzlicher Rührung, als sie die Schicksalsnarben berühren.
Draußen sagt Guido: „Meine Mutter war berühmt wegen ihrer schönen Hände. — Hast du sie jetzt gesehen? Sie kocht und wäscht, tut gröbste Arbeit, wie eine Magd! — Noch kann ich ihr keine Dienerin halten — aber warte nur!“ Und sein Gesicht erstarrt in wütender Entschlossenheit.
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Da ist der Klub. Ein reicher Sonderling hat ihn mit großen Mitteln gegründet, doch seine Schenkung an strenge Bedingungen geknüpft. Eine große Bücherei ist in zwei Sälen und drei kleineren Räumen untergebracht und birgt das Beste, was in vier Sprachen geschrieben wurde. Um die großen Mitteltische stehen bequeme Stühle, begehrter noch sind die großen Lehnsessel in den Fensternischen, unter abgedämpften Seitenlampen. In allen Leseräumen ist das Sprechen strenge verboten. Dicker Bodenbelag dämpft den Schritt. Durch die wohlverwahrten Fenster dringt kein Außenlärm. Die gewünschten Bücher dürfen nur mit kleinen Zetteln angefordert werden, gegrüßt wird mit stummem Nicken. Die Bibliothekare gleiten auf Gummisohlen die hohen Stehleitern auf und nieder. Die tote Stille springt den Eintretenden erst schreckhaft an, bis er, nach wenig Augenblicken, ihre Wohltat dankbar zu fühlen beginnt.
Hinter gefütterten Doppeltüren zwei kleine Spielzimmer. Nackte Wände. Unter gedämpften Mittellampen lange Tische, jeder mit vier ins Holz eingelassenen Schachbrettern. Es darf nur Schach gespielt werden, Gespräche sind auch hier verboten, mit Ausnahme der knappen Worte, die das Spiel erfordert. Die Figuren gleiten lautlos auf kleinen Filzunterlagen. Durch die samtige Stille klingt nur das Atmen der Spielenden und immer wieder das eine Wort: „Schach! ... Schach!“
Als letzter Raum, nochmals durch Doppeltüren verwahrt, ein Sprechzimmer; dicke Filzvorhänge teilen es zu einem halben Dutzend Nischen, in denen zwei, drei Stühle um ein rundes Tischchen stehen. Zu dem Bodenbelag der anderen Räume kommt hier noch deckenhohe Wandbespannung, die den Stimmenklang dämpft und einsaugt. Man spricht im Flüsterton.
In keinem der Klubräume dürfen Speisen oder Getränke verabfolgt werden.
Doch nur auf den ersten Blick scheinen die strengen Satzungen greisenhaftem Eigenwillen entsprungen. Ohne sie läge die Gefahr mangelnder Auslese allzu nahe. Denn nach des Stifters Willen ist der Mitgliedsbeitrag niedrig bemessen, für den Ärmsten erreichbar: anderthalb Franks im Monat. Die lauten Brüder, die ohne Wein und Karten keine Muße kennen, sie mögen anderswo unterkriechen. Die hier unter den grünen Leselampen lautlos über Bücher gebeugt sitzen, das sind die wahrhaft Ruhebedürftigen, denen harter Broterwerb tagsüber keine Zeit läßt zu innerer Sammlung und zum Ausfüllen schmerzlich empfundener Lücken.
Fritz wird von Guido dem Verwalter vorgestellt, der in einem winzigen Büro neben der Eingangshalle sitzt. Guidos Fürsprache kürzt die Aufnahmsförmlichkeiten ab. Zum Schluß nur die würdevolle Mahnung: „Wir sind an die Stiftungsvorschriften gebunden, mein Herr. Besonders das Sprechverbot wird streng gehandhabt. Dreimaliger Verstoß dagegen hat unweigerlich den Ausschluß des Mitgliedes zur Folge. — Bedenken Sie das rechtzeitig, mein Herr, es wäre peinlich für mich und Sie ...“
Dann durchschreiten die Freunde langsam die stillen Gemächer und landen endlich in einer Winkelnische des Sprechzimmers. Fritz sieht der versprochenen Erzählung siegessicher entgegen: Das jäh verstoßene Stutzerle, die gegenseitige Angeberei; dann Felix und sein Auge, die Geschichte vom Storch, die Tanzstunde und vieles, vieles andere — was könnte Guido dem an die Seite zu stellen haben? Noch einmal, wie früher so oft schon, empfindet Fritz, wie das Bewußtsein früh und schuldlos erlittener Unbill ihn mit brennendem Stolz erfüllt, wie, seit dem Erwachen dieses Bewußtseins, seine Tage in der verbissenen Erwartung verstrichen sind, das Leben, das Leben würde gutmachen, reichlich gutmachen, was elterlicher Unverstand gesündigt. Zwar will auch diesmal die innere Stimme laut werden, die ihn seit den letzten Jahren immer eindringlicher mahnt, das träge Warten aufzugeben, dem Leben, der fremden Gewalt, mit Taten die Vergeltung abzuzwingen. Doch noch einmal behält der wehleidige Stolz die Oberhand: „Wie ist mir unrecht geschehn!“