Dann kam der Zusammenbruch. Unser Haus, das alte Stammhaus, das Landgut, alles wurde verkauft. Der Makler hat uns schwer betrogen, aber ich kam gegen seine Kniffe nicht auf. Ihm zuliebe bin ich zur Bank gegangen. Er soll der erste sein, den ich an die Wand drücke. Und bald ist es so weit.“
Der dunkelgekleidete Diener kommt aus dem Nebenzimmer, sagt laut und eintönig: „Mitternacht, meine Herren! Es wird geschlossen!“ und bleibt wartend in der Tür stehen. Fritz begrüßt die Unterbrechung. Er ist im Innersten aufgerührt und macht sich mit leisem Grauen klar, was er empfindet. Das Ungeheuerliche an dem fremden Schicksal entgleitet ihm. Nur die Erkenntnis brennt sich ihm ein, daß so, und nur so väterlicher Zwingherrschaft begegnet werden durfte, gleichgültig, in welchem Ausmaß sie sich zeigte. Indem man einen stahlharten jungen Willen dagegen setzte und seinen Weg selbst suchte. Nicht durch verlogene Unterwürfigkeit und heimliche Seitensprünge. Mit ungeahnter Gewalt donnert die fremde Stimme in ihm alle wehleidigen Erinnerungen nieder mit der Frage: „Wenn dir unrecht geschehen ist, du Junger, was hast du dagegen getan?“
Sie gehen durch die langsam entschlafende Stadt. Guido sagt unvermittelt: „Was ich dir heute sagte, weiß niemand außer dir und mir. Mir hat es wohlgetan, das alles einmal auszusprechen, aber ich glaubte auch dir zu nützen. Ich hab’ dich gern — ihr Deutsche gehorcht tieferen Gefühlen, seid nicht so unmittelbare Triebwesen wie der Durchschnitt hierzuland. Doch vielleicht hast du nur den Vatermord herausgehört — denn ich habe ihn ja getötet — und verdammst mich jetzt?“
Da fährt Fritz aus tiefem Nachdenken auf: „Nein, nein, glaub’ das nicht! Jetzt weiß ich: Wir alle müssen unsre Eltern morden, in Liebe oder in Haß, müssen sie morden. Sonst geht es uns ans Leben. Du hast ja tausendmal recht! Daß ich mich nicht gewehrt habe! Weißt du was — das ist der Eunuchenglaube, den sie uns von klein auf eintrichtern: Wenn dir einer die linke Backe schlägt, so halt ihm die rechte hin! So wehrt sich ein Kadaver — mit Verwesung! — Oh, was hab’ ich mir antun lassen — ich könnte heulen, wenn ich dran denke!“
Da faßt ihn Guido lächelnd beim Arm: „Laß gut sein — du stehst noch immer nicht drüber! Nicht zurück — vorwärts mußt du schauen! Läßt du dich nicht immer noch treiben? Weißt du denn überhaupt, was du willst?“
Da ist sie wieder, die quälende Frage: wollen? Blitzartig zucken Bilder vorbei — ein Palast in weitem Park, Vollblutpferde, Jagdhörner, ersterbende Lakaien — aber der Weg dahin? Ein Schatz — ein Wunder? Auf die Fee warten, oder auf die guten Zwerge, wie der arme Hirt im Märchen? Endlich sagt er trotzig:
„Du hast leicht reden — du bist in einer Großstadt aufgewachsen, hier, unter diesem Himmel, und wenn dein Vater noch so arg war, darum war doch dein Haus ein alter Palast, und du hattest Diener und Pferde, und ein Landgut ...“
„Das entbehre ich leicht. Und ich werde mir alles wieder schaffen!“
„Mag sein — du hast das alles jedenfalls schon gehabt, du kennst es! Aber ich? Ich tappe ja noch wie blind herum! Ich muß erst sehen lernen! Dann werde ich sagen können, was ich will!“