Da ging schon die Türe und der Vater rief ins Zimmer: „Jungen, freut euch, ihr habt ein Schwesterl bekommen!“ — Felix und Max mimten Erwachen aus tiefem Schlaf und zeigten gehorsam Freude — Felix durch sein höfisches Lächeln, Max, indem er alle Glieder durcheinanderwirbelte. Fritzl blieb stumm. In ihm weckte die Nachricht keinerlei klare Vorstellung, schärfer als zuvor fühlte er ängstliches Staunen. Der Vater beugte sich über sein Bett: „Na, Fritzl, freust du dich?“ — Fritzl hatte, zum erstenmal, Angst vor dem großen Mann, der so laut auftrat und sprach, las, zum erstenmal, eine Drohung aus dem bärtigen Gesicht und starrte ratlos und stumm empor. „Na, was ist denn, Faulpelz, kannst du nicht reden?“ polterte der Vater, und meinte es scherzhaft. Fritzl aber, tödlich erschrocken, stammelte nur „Ja, Papa!“ und mühte sich, zu lächeln, wie Felix immer lächelte. Sein Gesicht war wie eine Maske der Angst.
4
Taufe. Durch die große, leere Pfarrkirche heult die Orgel, schwillt an, bricht dröhnend ab. Auf dem hohlen Bretterbelag des Hauptganges hallen die Schritte. Es riecht süß und schwer, einschläfernd. Aus dunklen Nischen, von brennenden Kerzen umrahmt, Gestalten mit unverständlichen Gesten. Drohen sie, locken sie? Fritzl taumelt an der Hand des Kindermädchens durch die tobende Stille; er fürchtet sich namenlos, läßt sich in eine tiefe, lange Bank ziehen, sitzt still und zitternd. Weit, endlos weit weg, um den Kanzelpfeiler geschart, eine Gruppe Menschen. Dort soll Papa sein, Mama, die Onkel und Tanten? Unerreichbar!
Plötzlich ein scharfer, durchdringender Ton, herrisch, Beachtung fordernd. Fritzl fühlt: so schreit das neue Wesen, um das sich jetzt alle so sehr kümmern. Er hat die Schwester noch nicht gesehen. Als ihn der Vater an die Wiege führte, war ihm unsäglich aufgeregt, alles zu gräßlichem Weiß verschwommen. Er weiß nur, daß ein Neues zwischen ihm und den Eltern ist, weit gefährlicher als die älteren Brüder. Das schreit nun dort. Und es sind doch alle bei ihm. Er aber, Fritzl, ist allein und weit, weit fort.
Wieder zu Hause. Der große Salon voll Leuten. Im Speisezimmer eine reichgedeckte Tafel. Aus der Küche riecht es nach guten Dingen. Felix und Max sind da. Sie müssen die fremden Onkel begrüßen. „Verbeugen! Hand küssen!“ kommandiert der Vater. Fritzl tut betäubt mit. Dann werden sie alle aus dem Zimmer geschoben. Alle drei. Hinter ihnen sagt jemand: „... die drei Brüder.“ Fritzl hört die Gleichstellung und ist sprachlos überrascht.
Felix und Max sind in der Schule. Der Jüngste sitzt allein an dem großen Tisch des Kinderzimmers. Das Mädchen bringt ihm, fertig auf dem Teller, Maronipüree mit Schlagrahm, dicke Schokolade, süßes Gebäck. Fritzl ißt ohne Freude. Durch leere Nebenzimmer hört er den Lärm der großen Tafel. Eine Einsamkeit, zu mächtig für den kleinen Körper, droht ihn zu sprengen. Er weint. Draußen vertropft ein Regenabend. Und alles ist grau.
5
Die Mutter ist zum erstenmal wieder bei Tisch — sehr blaß und matt. Der Vater zeigt bärbeißige Ritterlichkeit, zankt nicht mit den Jungen. Diesmal ist er es, der mit Blicken warnt und rügt. Die Buben sind artig, und dies mal nicht aus Angst. Alles könnte sein wie früher. Nur Fritzl hat die alte Sicherheit verloren, wetzt ratlos auf seinem hohen Sitz herum. Vom Vater trennt ihn eine unnennbare Scheu, die er nur fühlt, und nicht begreift. Noch ist es nicht körperliche Angst, wie bei den Brüdern. Doch auch der Vater ist anders — ermuntert ihn nicht zur Ausgelassenheit, verlangt kein Verschen von ihm, beachtet ihn kaum. Fritzl, sehr bedrückt, muß an das Neue denken, das irgendwo hinten in einem der Zimmer liegt.
Wie die Mehlspeise kommt, sagt er plötzlich ganz laut: „Nicht wahr, Mama, du bleibst jetzt immer bei uns!“ Der Vater sieht ihn sehr überrascht an. Die Mutter, errötend, streicht flüchtig über seine Hand.