Eine Zufallsbekanntschaft im Café führt zur Entdeckung einer neuen Pension. Dort geht es wild her. Die Wirtin, eine deutsch-russische Witwe in den besten Jahren, ist vor irgendwelchen Wirren im weiten Zarenreich hierher geflohen, um neuen Wohlstand zu erwerben. Sie hat ihre schmerzliche Freude an dem Toben der Gäste. Mit Fritz sind es acht junge Leute, keiner älter als zweiundzwanzig Jahre, die tagsüber in Kontoren schwer arbeiten, in den Freistunden aber die enge Wohnung mit lärmenden Spielen beleben. Die Küche versieht ein schieläugiger, blatternarbiger Fellache mit verfilztem Stirnschopf auf dem Verbrecherschädel. Auch wird weniger auf die Güte geachtet, als auf die Menge. Doch auch die ist immer knapp berechnet. Jeder trachtet sich seinen Anteil zu sichern — dazu ist jedes Mittel recht. Beliebt sind sachliche Randbemerkungen über Herkunft und Zubereitung der Speisen. Vielleicht vergeht einem oder gar zweien der Appetit, und ihre Portionen würden frei? — Saures Mischbrot gibt es zur Genüge, doch nur acht dünne Scheiben Kornbrot zu jeder Mahlzeit. Um die toben Kämpfe; die eroberten Stücke werden abgeleckt, unter den Arm geklemmt — was hilfst’s? In einem unbewachten Augenblick reißt sie der Nachbar doch an sich und schlingt sie hinunter. — Da ist der Herr Lustig aus Prag, der ekelt sich so leicht. Ein Beutetierchen. — Der Filter liefert nur eine bestimmte Menge Trinkwasser im Tage, und auch das läßt im Glase leichten Bodensatz. Herr Lustig trinkt Syphon. Er hat Zuschuß von daheim und kann sich’s leisten. Als eben wieder eine neue Kiste für ihn geliefert worden ist, wird in der Runde der anderen mit schöner Offenheit die Frage erörtert, ob wohl die Syphonfabriken beim Reinigen der Spritzhähne genügende Rücksicht auf die Tatsache nähmen, daß die Araber sich mit Vorliebe mit Syphons purgierten? — Und Herr Lustig stiftet wehmütig die neue Kiste für die Allgemeinheit. Zum Dank werden neue grausige Gesprächsstoffe ersonnen.

Fritz empfindet zunächst abwehrendes Staunen vor solchen Tischmanieren. Bald aber fährt auch ihm der ungeschriebene Grundsatz ins Blut, der, stärker als sonstwo, in diesem Lande neuen Reichtums und alten Elends regiert: „Friß oder laß dich fressen!“ Und er wehrt sich seiner Haut, gilt rasch als achtbarer Gegner und denkt in bitterer Beschämung der langen Jahre, in denen er sich geduckt, immer wieder geduckt hat. Gibt es eine andere Antwort auf stummes Dulden, als neue Verachtung, neue Gewalt? —

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Langsam beginnt der Schleier vom Antlitz des fremden Landes zu weichen. Schon sind zehn, zwanzig Wortgruppen erobert. Welcher Stolz, wenn es nun ab und zu gelingt, einen Eingeborenen, der im Vertrauen auf die völlige Sprachunkenntnis des Fremden mit heuchlerischer Unterwürfigkeit Verwünschungen murmelt, zu entlarven und mit einem ellenlangen, blumigen Fluche zu zerschmettern? Und welch ein Volk, diese Fellachen! Seit Menschengedenken waren sie keinen Tag unfrei, nie einem Herrscher ihres Stammes untertan. So liegt es ihnen im Blut, zu lügen, zu stehlen, flüsternd der Fremdherren zu spotten, und sie doch bäuchlings anzubeten. Erwachsene Männer weinen kindisch haltlos, um eine betrügerische Überforderung doch noch durchzudrücken. Ist der Versuch als aussichtslos erkannt, dann fügen sie sich lächelnd, fließen über von Beteuerungen ehrlicher Zuneigung und Dienstbereitschaft. Ein ander Mal! Kein Manneswort, kein Einzelwille gilt. Über allem und jedem liegt der göttliche Ratschluß, der jede Verpflichtung, jede Verantwortung im Geben und Nehmen aufhebt. Zu dreien Malen an jedem Tage hämmern es die ehernen Stimmen der Muezzins von unzähligen Minaretts herab in die Herzen der Gläubigen:

Kein Gott ist außer GOTT

Und keine Macht außer bei IHM

Und Mohammed ist SEIN Prophet.

Ist das noch die Lehre, die die ersten Moslim mit wildem Tatendrang, mit hemmungsloser Todesverachtung erfüllte und erobernd fast bis ins Herz des zitternden Abendlandes führte? Welche Verheerung hat sie in diesen Sklavenköpfen angerichtet! Kein Versprechen ohne den Zusatz: „Insch’allah! So Gott will!“ Bleibt es unerfüllt, so hat Gott nicht gewollt. Keine Auflehnung gegen einen Schicksalsschlag, und möchte er auch durch Tat zu mildern, abzuwenden sein. Tote Ergebung: „Maktub Kedde“ — so ist es geschrieben! —

Fritz erblickt in der Ehrlosigkeit, den Untugenden und Lastern der Eingeborenen ein Zerrbild seiner eigenen Knabenschwäche, und der Verachtung paart sich rasendes Mitleid.

Steht Euch kein Rächer auf, ihr Knechte, kein Führer, der Euch die krummen Rücken strafft?