Die andern, länger im Land und an das jähe Tempo gewöhnt, gehen mit raschen Scherzen über das Unabänderliche hinweg. Fritz aber fühlt eine kalte Knochenhand an der Kehle: Welch ein Land! Es leidet keine Vertiefung — zu kostbar ist der Augenblick, die dünne, schillernde Oberfläche.

Ewige Fremde!

69

Und ein Tag unter vielen Tagen, gleichgültig begonnen mit brummigem Erwachen, kalter Dusche, Frühstück und der nüchternen Morgenarbeit in der Bank. Ein Tag unter vielen. Da ruft ein Diener Fritz in den Parteienraum hinunter — eine Dame wünsche ihn zu sprechen. Eine Dame? — ein Irrtum zweifellos ... Doch immerhin ... Und er folgt entgeistert. —

Unten in der weiten Halle, leicht an die Marmorbrüstung eines schwer vergitterten Fensters gelehnt, steht eine Dame in weißem Tuchkleid, das knapp und klar von kräftigen Schultern fließt. Ein kleiner Lederhut auf dunklem Haar ... Es ist Gitta. Sie tritt ihm rasch entgegen, streckt froh die Hand aus, grüßt: „Guten Morgen!“ Der Klang der dunklen Stimme weckt in Fritz ein Echo, daß er meint, das hohe Gewölbe müßte davon bersten, und die Hand, die sich ihm da entgegenstreckt, sie hat er in tausend Träumen ersehnt und gesegnet ...

Dennoch sind Widerstände in ihm: die Augen der Herren Kollegen ringsum hinter den Schaltergittern, und überhaupt ... Die Idee, ihn während der Dienststunden rufen zu lassen ...

Aber die großen Augen ruhen voll Freude und Zuversicht auf ihm, und er wird frei und hemmungslos unter ihrem Blick, umspannt die langen, festen Finger, drückt seine Lippen auf die mattweiße Haut. — Dann steht er tief atmend vor dem Mädchen: „Sie sind hierher gekommen ...!“ — In ihrer Antwort zittert wieder der leise lachende Unterton: „Ich mußte wohl — denn Sie haben sich ja nicht sehen lassen! Und ich hatte doch das bestimmte Gefühl, daß wir uns mancherlei zu sagen haben!“

Fritz fühlt neue Unsicherheit. Kann ein Mädchen, ein Mädchen der besten Stände, tatsächlich so unbefangen sein, oder ... Doch sie läßt ihn nicht zu Ende denken: „Mein Benehmen will Ihnen nicht in den Kopf, wie? Nun, — dies ist nicht der Augenblick zu langen Erörterungen, — aber glauben Sie mir, Sie werden noch alles begreifen lernen! — Hören Sie jetzt: Man sagt mir, daß Sie Sonnabendnachmittag früher Schluß machen, schon gegen fünf Uhr. Nächsten Sonnabend also, das ist übermorgen, erwarte ich Sie spätestens um fünf Uhr in der kleinen deutschen Teestube, Hesselbach heißt der Mann, glaube ich, Sie kennen sie? — Ja? — Gut! — Und merken Sie noch eins: Ich verstehe allerhand Hemmungen. Besonders Schüchternheit ist mir vertraut. Kämen Sie aber etwa übermorgen nicht, dann müßte ich annehmen, daß mehr als Schüchternheit am Werke ist, daß Sie nämlich durchaus nichts mit mir zu tun haben wollen. Und das täte mir leid, denn dann könnte ich auch keinen Finger mehr rühren, um Sie etwa wiederzusehen. — Übermorgen um fünf also, ja?“ Und sie streckt ihm die Hand hin. Fritz fühlt, wie maßlose Beglückung ihm Tränen in die Augen treibt; er beißt die zuckenden Lippen wütend fest und zwingt sich zu gemessener Tanzstundenverbeugung, während glühende Andacht ihn drängt, ins Knie zu sinken. Das Mädchen merkt wohl, daß seine Beherrschung an der Grenze ist. Ein kurzer Gegendruck der weißen Hand, ein Abschiedswort — und mit wenigen raschen Schritten hat Gitta die Halle durchquert und tritt in den Sonnentag hinaus.

Fritz blickt ihr nach — da klingt vom nächsten Schalter die erste Spottfrage an; und im Augenblick hat er sich wieder fest in Händen, zeigt kühle Abweisung und geht in sein Bureau zurück.

Übermorgen um fünf — das sind sechsundfünfzig Stunden! Und er stürzt sich in gleichgültige Arbeit, rechnet das Portobuch durch, sieht die Kopierregister nach, legt neue Adreßlisten an. — Ach, jeder Hammer ist recht, den verdammten Klumpen Zeit zu zerbröckeln!