„Das habe ich wohl gemerkt. Und als Sie sich wieder nicht blicken ließen, da dachte ich mir, nun will ich dem Burschen die Schüchternheit austreiben — und ging in die Bank!“

„Aber wie wußten Sie ... Ich meine — mich kennt doch hier niemand?“ wirft Fritz ein. Doch das Mädchen lacht ihm ins Gesicht: „Glauben Sie wirklich, daß man in Kairo als Europäer unbekannt bleibt? Unser Dragoman hatte Sie doch an jenem Abend in der Mouski gesehen — am nächsten Morgen schon nannte er mir Ihren Namen, Ihre Pension und die Bank, in der Sie angestellt sind. Ich weiß sogar noch mehr — daß Sie oft ausreiten und auf die Jagd gehen. Das war mir besonders lieb zu hören, denn ich habe mir oft einen Ritter gewünscht, der mich in die Wüste begleitet. Der Dragoman ist mir widerlich und die großen Hotelkavalkaden erst recht!“

„Aber Ihre Mutter ...?“ sagt Fritz und wird rot.

„Meine arme Mutter ist glücklich, daß ich mein Leben so ganz auf sie eingestellt habe, und gönnt mir die wenigen Vergnügungen, die ich mir leiste, von Herzen gern. Und Schicklichkeitseinwände verbieten sich von selbst — ganz umsonst bin ich denn doch nicht in Amerika geboren und aufgewachsen. Auch bin ich ja großjährig. — Aber wenn Sie vielleicht das beliebte europäische Ärgernis nehmen wollen?“

„Wo denken Sie hin — Ärgernis ... Ich bin glücklich, wenn ich Sie begleiten darf und fürchtete nur ein Hindernis.“

„Nein — fürchten Sie keines! Wenn Sie nichts andres vorhaben, können wir morgen gleich loslegen! — Wissen Sie eine schöne Partie? — Rücksichten auf weibliche Schwäche brauchen Sie nicht zu nehmen — zehn, zwölf Stunden im Sattel machen mir nichts aus!“

Fritz bleibt erst stumm, erschüttert von ungeahnter Freude. Dann beginnt er mit hastigen Vorschlägen. Gitta entscheidet sich für das Wadi Dukla, ein Wüstental, weit drin im Mokattam-Gebirge.

Sie gehen durch die breiten, stillen Straßen des Europäerviertels. Die große Brücke liegt einsam und menschenleer; durch die uralten Sykomorenalleen der Nilinsel ziehen leise Nachtnebel. Fritz geht wortlos und hört zu, wie der kleine Mädchenfuß im flüchtigen Schreiten die harte Straße klopft. Das weiße Kleid, blaß leuchtend in der Dunkelheit, rauscht gedämpft im Gehen. So oft eine kurze Abendbrise vom Flusse herüberspringt, weht sie Fritz den Atem des jungen Mädchenleibes zu. — Kein aufreizender Frauengeruch, nur der Duft der sauberen Wäsche, der guten Seife, mit einem Hauch von Lavendel — gesund und rein. „Bist du froh? Bist du froh?“ klopfen die kleinen Absätze auf der Straße. Und Fritz tritt leise auf, damit der jubelnde Hall seiner Schritte nicht der nächtigen Weite sein Glück verrate. —

70

Am nächsten Morgen wartet Fritz mit zwei ausgesuchten Eseln auf dem Platze Atabet-El-Khadr. Mohammed Achmed, der Vermieter, abends vorher verständigt, hat sich angestrengt und richtige Ledersättel besorgt. Die Tiere sind gewaschen und zierlich geschoren, die klirrenden Messingketten um ihre stämmigen Nacken blank geputzt. Pünktlich um sieben Uhr fährt Gitta im Wagen vor. Das Mädchen sieht ganz jungenhaft und doch nicht verkleidet aus. Der kurze, geteilte Rock läßt die hohen Schaftstiefel frei und das schmale Knie, von der Reithose eng umschlossen. Das Haar ist mit glatter Schleife zu kurzem, dickem Barockzopf gebunden, der unter der flachen Krempe des Tropenhelms in den Nacken hängt. Die kleine Hand in festem Stulphandschuh hält eine Nilpferdpeitsche. Und wie sie mit Selbstverständlichkeit im Herrensitz in den Sattel springt und losreitet, grinst der würdige Mohammed Achmed selbstvergessen: „Gut, oh Wunder Gottes, überaus gut!“