Der Besuch ist vollbracht. — Ein Sieg über die eigene Schüchternheit, mit Herzklopfen, mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten erkämpft. Falko wütend zum Angriff gespornt auf die Portierloge, die schimmernde Festung. — Die alte Dame gütig und teilnahmsvoll, Gitta lieb wie immer. — Fritz wandert alleine durch die dunklen Alleen nach Hause und sucht die stürmenden Eindrücke zu sammeln. Die riesige Halle, halb europäisch eingerichtet, mit schweren englischen Klubmöbeln, halb orientalisch, mit reichen Teppichen, eingelegtem Schnitzwerk, Messingzierat; wuchtige Antilopengehörne an den Wänden, vor dem mächtigen offenen Kamin ein Leopardenfell. Und die Menschen, die sich in dem prunkvollen Raum bewegen: Herren und Damen tragen die kostbaren Abendgewänder mit Selbstverständlichkeit, nicht wie Feierkleider, liegen lässig in den tiefen Sitzen, stemmen die Füße gegen das kupferne Kamingitter — Mokka, guter Tabak, die vielen feinen Haarwasser, Mundwasser, Waschwasser, unaufdringliche Parfüms, der leise Holzrauch aus dem Kamin, das Leder der Möbel, der scharfe Geruch der präparierten Wildfelle und Köpfe: das alles klingt zusammen, schafft eine Atmosphäre von erhabener Besonderheit, die scheue Ehrfurcht weckt. Bruchstücke von Gesprächen: Polo ... Golf ... Gymkhana ... Jagd im Sudan ... in Indien ...

Ein Ausschnitt aus der großen Welt, aus reichstem Leben. Doch Fritz merkt überrascht, erschreckt fast, daß kein Neid mehr in ihm ist. Keinen Wunsch mehr fühlen können, weil doch jedem, kaum gedacht, schon Erfüllung gewiß war: konnte das Neides wert sein? War es nicht unendlich stärker, dem tückischen Gerippe, dem schmalen Monatsgeld, der harten Brotarbeit zum Trotz, seltenen Feierstunden den letzten Tropfen Freude abzuzwingen? — Da ertappt er sich dabei, daß er nur Gittas Worte nachdenkt. Wie hatte sie gesagt, als er der alten Dame so begeistert vom Wadi Dukla erzählte? „Um Ihre Freudefähigkeit sind Sie zu beneiden! — Das Erlebnis an sich ist nichts — nur die Kraft, mit der man empfindet, gibt ihm Gehalt!“

Wunderbares Mädchen! — Wie hatte sie in kurzen Tagen seine Gedanken so ganz in ihren Bann gebracht! Kein Trotz nun, keine Gegenwehr — innige Hingabe nur an die neue Süße, gelenkt zu werden von geliebten Händen.

72

Der Bankdienst beginnt zu drücken. Wohl hat der Direktor unversehens eingegriffen und über Monsieur de Bergasse hinweg eine gerechtere Arbeitsteilung verfügt, wonach Fritz nun mit dem Triestiner in der Expedition und der eigentlichen Korrespondenz abwechselt. Ist aber der Unterschied so groß, ob man Briefe, ewig dieselben langweiligen Sätze, auf der Maschine schreibt, oder ob man die fertigen nur faltet und in Umschläge steckt? Ewig das öde Einerlei — wie ein Eichhörnchen in der Trommel; es krabbelt wütend und kommt doch nicht vom Fleck. Das als Beruf? — Auch hier wird es übrigens mißbilligend bemerkt, daß Fritz keine Zeitungen lesen will. Zeitungen — geschmacklose Lügen in schlechtem Stil, kleinliche Fehden, Ränke, Winkelzüge, — matter Abklatsch der alten Condottieri!

„Als Geschäftsmann kommen Sie ohne Zeitungen einfach nicht aus,“ sagt der Direktor. Als ob er, Fritz, Geschäftsmann wäre oder auch nur werden wollte! Er will, weiß Gott, was anderes, er will ...

Ja, er will Antwort geben auf die Frage, die er immer dringlicher, immer quälender aus allen Dingen herausfühlt. — Ein Falkenschrei, der die Mittagsrast nach langem Wüstenritt durchzittert; ein letzter Sonnenstrahl auf einsamer Palmenkrone; eine Herde, die durch goldrote Staubwolken heimzieht, der sinkenden Sonne zu; und fernes Schakalgebell in nächtlicher Wüste, und vieles, vieles andere, das ihn im innersten berührt, ihn erbeben läßt in dem Gefühl: nun finde die rechte Antwort und du kannst einen Zauber lösen, kannst ein entrücktes Königsschloß wieder erstehen lassen, die Steine zu reichem Troß wandeln, die Herde zu streitbarem Heer, den Falken aber, den Vogel der Sehnsucht, zur schönsten Prinzessin. Finde die rechte Antwort — finde die Antwort!

Zutiefst in seinem Koffer bewahrt er ein Heftchen, das mancherlei Ergüsse birgt. Er hält es sorgsam geheim. — Ein dichtender Bankbeamter! — Die andern würden ihn tothacken, wie Sperlinge einen gelbgefärbten Artgenossen. — Und die Antwort, das Zauberwort, das er finden will, steckt in keinem der linkischen Versuche. Woran es fehlt? Wie innig empfindet er die Natur, nun, da der drückende Zwang von ihm genommen ist; wie glühend erfüllt ihn der Gedanke an Gitta, Gitta ...

Was aber dann in Worten vor ihm steht, klingt matt, farblos, abgebraucht.

Es genügt wohl nicht, die Sprache neu zu erleben, hergebrachte Formen mit eigenem Sinn zu füllen, fremde Lügen zu empfangen und eigene Wahrheiten zu gebären? — Wer bist du, Würmchen, daß du das All neu erdenken, freventlich mißachten willst, was ungezählte Geschlechter vor dir erdacht, erkannt, geglaubt haben?