Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher
Stimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“

Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen und verbannen sollen.“

Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des Goetheschatzes verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt.

Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer, dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr. Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen Sohn, Johann Wolffgang.“

Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige heraus.

Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“, die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf Goethe und seine Familie bezüglich.

Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und dem
Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus
Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht
im ersten Buche und lautet:

„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.“

Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng
und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die
Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in
Frankfurt.

Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust, Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde, sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende Victoria.