Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben.

An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf, mit den Geysers im Hintergrunde.

— Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum Andenken.

Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200
Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten
hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit
Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco.

V.

Ekensund.

Ein Land- und See-Mosaikbild.

Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht (nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte. Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht nicht im Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder, und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für mich und meine Familie herkriegte.

Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach
Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen
und riefen entsetzt aus: „Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem
Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein
Wald und kein Kurhaus — —“

Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist, wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte Auge des Philisters, der für „Natur“ schwärmt, bei Ekensund eben nur — Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen Schwestern Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle heißen; aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über jene anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen.