So viel sich Dollmayer abgemüht, aus den Dichtungen, aus den Spielen, aus allen möglichen Dingen der Wirklichkeit, Boschs Vorbilder festzustellen – die unerschöpfliche Phantasie, das starke malerische Können dieses pessimistisch-lachenden Philosophen, alles macht ihn zu einer gestaltenden Persönlichkeit, die kein Gelehrter von dem Wunder künstlerischer Synthese jemals wird entschleiern können.
Eher kann das bei jenen Zeichnungen der Fall sein, die Bosch für die Armen jener angstvoll apokalyptischen Zeiten entwarf – wie unser Dürer das tat mit den Holzschnitten zur Offenbarung Johannis.
Ganz wie Dürer wußte Bosch, was für die geistig ärmeren, was für die reiferen Geister seiner Zeit taugte.
Abb. 16. A. du Hameel nach Bosch, Das Jüngste Gericht.
Ja, der Stich Alaart du Hameels nach Boschs Zeichnung »Das Jüngste Gericht« (Abb. 16) war für die damalige Menge zweifellos leichter verständlich als Dürers apokalyptische Reiter, als Johannes, der das Buch verschlingt, als das Bild vom Sonnenweib und von der »Eröffnung des sechsten Siegels«.
So wild grotesk uns auch die Monstra alle auf diesem Weltgericht Boschs anmuten, so vertraut waren sie dem Volke von damals aus den Skulpturen und Mummereien. Und wenn jenes Volk solche neuen Bilder doch noch lieber anschaute als die verwitterten Steinbilder – so begegnete sich hier die Bewunderung des flämischen Volkes für einen großen Zusammenfasser mit dem genialen Verständnis des Künstlers für das Verlangen der flämischen Rasse. Dieser Künstler wußte von seinem Volke, daß es gern lachte. Und solche Bilder wollten und sollten auch lachen machen.
Ein Ästhetizismus, der das vergißt, taugt nichts.
Nicht van Eyck, Bosch ist der erste volkstümliche Künstler Belgiens. Das Wunderbare der belgischen Kunst ist, daß sie immer volkstümlich und doch hoch künstlerisch bleibt.