Oder nicht? – – Sind die »Blinden, die Blinde führen« nicht herrlicher, bedeutsamer, packender und zwar auch rein als Kunstwerk als all die schonen und verzückten und entzückenden Heiligenbilder dort ringsum im Museum zu Neapel? (Abb. 30.)

Breughel schlug noch einmal Bresche für flämisch-niederdeutsche Art. Für ihn war das schwerer als gut 100 Jahre früher für die van Eyck. Denn damals galt auch in Italien das Niederländische. Jetzt beeinflußten Rafael, Michelangelo, Tizian den Geschmack hier wie dort. Dort mit Recht. Hier zu unrecht. Denn Breughel ist wie Bosch, wie van Eyck vom Uradel seines Landes, wie jene von ihrem. Fremde Herren aber können den Adel nicht verleihen.

Das sei nie vergessen.

So scheidet Breughel nicht nur endgültig Belgien von Italien – er ändert auch die Richtung der Anschauung im eigenen Lande.

Nur einiges von dem, was ihn unterscheidet von den alten belgischen Künstlern; seine Auftraggeber, von denen des van Eyck.

Breughel sieht nicht mehr die Pracht der hohen Herren. Pomphafte Aufzüge, wie wir sie so vielfach in den alten reichen Handschriften der Herzöge von Burgund, im Turiner Gebetbuch (Abb. 31) mit erstaunlichster Treue und Farbenfreude gemalt sehen, wie sie Jan van Eyck in dem epocheeröffnenden Genter Altar geschildert – interessieren Breughel nicht. Er liebt die bunte Masse.

Abb. 31. Die Landung Wilhelms von Bayern in Holland.
Miniatur aus dem 1904 verbrannten Turiner Gebetbuch.

Die Landschaft des Turiner Gebetbuches, die Küste mit dem Turm von Vere, die Atmosphäre ist freilich holländisch. Und der dargestellte Wilhelm IV. von Bayern war Herzog von Holland. Aber hier gilt uns mit Recht das Bild als Beispiel für die Prunkliebe der damaligen Höfe, für das große Interesse der Hofmaler für prachtvolle Stoffe. Erst allmählich änderte sich dies mehr und mehr ins Bürgerliche und Bäuerliche. Nur eines blieb stark in beiden Niederlanden, die stoffliche Wahrmalerei. – Diese war altes Erbteil der Niederlande. – Aber keiner war vor Breughel stark durch den ausgesprochen belgisch-volkstümlichen Realismus.