Die Bastarde zwischen diesen beiden Tieren sind wildfarbig, und glatthaarig (gleichen also ganz den wilden Kaninchen). In F2 erfolgt aber eine Spaltung in folgenden Sorten: 1. wildfarbig kurzhaarig, 2. wildfarbig angorahaarig, 3. schwarz kurzhaarig, 4. schwarz angorahaarig, 5. blau wildfarbig kurzhaarig, 6. blau wildfarbig angorahaarig, 7. blaugrau kurzhaarig, 8. blaugrau angorahaarig, 9. weiß kurzhaarig, 10. weiß angorahaarig. Oder um ein weiteres Beispiel zu geben, die Kreuzung aa XX BB CC dd gg kk MM NN oo pp vv (weißes Angora-Kaninchen) AA xx BB CC dd GG kk MM NN oo pp VV (weißes Wiener Kaninchen) gibt wildfarbige, kurzhaarige Tiere, die weiterhin in F2 eine sehr bunte Aufspaltung geben. Einen entsprechenden Fall bei Menschen hätten wir in der Kreuzung eines albinotischen Negers (weißhäutig) mit einem hellhäutigen Europäer, wo F1 dunkel gefärbt ist, wie die sonstigen Mulatten.

Die aufgeführten Grundunterschiede sind nicht die einzigen, die bei den Kaninchen bisher herausgearbeitet sind. Es ist heute schon eine ganze Reihe von anderen bekannt, aber immerhin ist die Zahl der Grundunterschiede eine verschwindend geringe im Vergleich mit der sehr großen Zahl von Rassenunterschieden. Allein die aufgeführten 12 Grundunterschiede ermöglichen, wie gesagt, 4096 erblich verschiedene Typen, von denen allerdings ¼ d. h. 1024 weiß und rotäugig und weitere 768 weiß und blauäugig sind. Alle anderen 2304 Typen sind aber auch äußerlich verschieden. Hergestellt und als Zuchtrassen gezogen sind davon nur verhältnismäßig wenige, es ist aber sehr leicht, sich irgendeine heute im Handel nicht aufzutreibende, vielleicht überhaupt noch nie vorhanden gewesene bestimmte Kombination herzustellen und als „Rasse“ rein herauszuzüchten. Man kann also mit einer erst einmal genügend analysierten Spezies ganz ähnlich wie ein Chemiker synthetisch und ganz zielbewußt bestimmte, gewünschte Eigenschaftskombinationen d. h. bestimmte neue Rassen herstellen.

Was wir an einem fertigen Organismus als eine einheitliche Eigenschaft sehen, etwa eine bestimmte Färbung der Haare, wird, wie wir bisher schon an einer ganzen Reihe von Beispielen kennen gelernt haben, stets bedingt durch eine größere Anzahl von Erbfaktoren, man denke z. B. an die vielen Faktoren, die beim Zustandekommen der Wildfarbe der Kaninchen mitspielen. Es kommt ferner auch häufig vor, daß ganz verschiedene und unabhängig voneinander sich vererbende Faktoren ganz in gleicher Weise sich äußern. Ein schematisches Beispiel macht es wohl am raschesten klar: Daß eine Weizenrasse ziemlich immun gegen einen parasitischen Pilz ist, kann dadurch bedingt sein, daß sie durch den Bau ihrer Zellwände besonders gut gegen das Eindringen der Haustorien der Pilze geschützt ist.

Eine andere Weizenrasse kann genau denselben Grad der Immunität zeigen, aber hier beruht die Immunität etwa auf dem Vorhandensein von bestimmten Schutzstoffen im Zellsaft. Kreuzt man die beiden gleich stark immunen und vielleicht auch sonst äußerlich nicht verschiedenen Rassen, so wird man einen Bastard bekommen, der jetzt die beiden Ursachen der Immunität ererbt hat, aber jede nur heterozygotisch enthält und deshalb — wenn nur teilweise Dominanz vorliegt — ebenfalls nur ungefähr ebensogut immun ist, wie jede der beiden Ausgangsrassen. In der F2-Generation dieser Bastarde müssen nun aber auch Pflanzen auftreten, die homozygotisch, beide Ursachen der Immunität ererbt haben, also doppelt so stark immun sind, als die Ausgangsrassen es waren, es müssen ferner — als die ganz rezessiven Kombinationen — Pflanzen auftreten, die keine von den beiden Ursachen ererbt haben, infolgedessen überhaupt nicht immun sind, und endlich muß eine Reihe von Zwischentypen, deren Immunität ungefähr derjenigen der Ausgangsrassen entspricht, entstehen. Ein sehr lehrreicher Fall dieser Art sei nach Nilsson-Ehle, dem wir die Aufklärung dieser zunächst unverständlichen Vererbungserscheinungen verdanken, genauer besprochen. Es ist wahrscheinlich, daß ähnliche Verhältnisse sich bei Menschen sehr häufig finden. Beim Weizen wird rote Kornfarbe bedingt durch mindestens drei unabhängig voneinander mendelnde Faktoren R, S und T. Eine Pflanze, die nur einen von diesen Faktoren heterozygotisch enthält, etwa Rrsstt oder rr Ss tt usw., ist ganz blaßrot, eine Pflanze, die einen von diesen Faktoren homozygotisch enthält, also etwa RR ss tt oder rr SS tt usw. ist, hat ein etwas dunkleres Rot, und endlich, am anderen Ende der Reihe, Pflanzen, die alle drei Faktoren homozygotisch enthalten — RR SS TT— sind am dunkelsten rot.

Kreuzt man eine weiße Rasse, die keine von diesen Faktoren enthält (rr ss tt) mit einer homozygotisch dunkelroten (RR SS TT), so bekommt man einen Bastard Rr Ss Tt, der in der Farbe eine Mittelstellung einnimmt, blaßrot gefärbt ist. Dieser Bastard bildet die acht Geschlechtszellen: RST, RSt, RsT, Rst, rST, rsT, rst, und diese achterlei Geschlechtszellen können sich in den nebenan in Tabellenform dargestellten Kombinationen vereinigen.

In der zweiten Spalte ist angegeben, welche Kornfarbe die einzelnen Kategorien haben, dabei ist das durch die drei homozygotisch vorhandenen Faktoren bedingte dunkelste Rot als rot VI, Weiß als rot 0 und das nur durch einen heterozygotischen Faktor bedingte hellste Rot als rot I bezeichnet, und entsprechend ist die Bezeichnung der übrigen Abstufung der Farbe.

Die Tabelle zeigt, daß in der F2-Generation der Kreuzung neben ganz seltenen Pflanzen, welche genau die Färbung der Elternrassen zeigen, eine lange Reihe von verschieden gefärbten Zwischenstufen auftreten müssen, nämlich mehr oder weniger dunkelrot gefärbte Pflanzen mit den Färbungsabstufungen rot I bis rot V.

Mögliche
Kombinationen
der
Geschlechtszellen
F2 F3
1) RST × RST rot VI rot[B]
2) RST × RSt V
3) RST × RsT V
4) RST × Rst IV
5) RST × rST V
6) RST × rSt IV
7) RST × rsT IV
8) RST × rst III spaltend in 63 rot : 1 weiß
9) RSt × RST V rot
10) RSt × RSt IV
11) RSt × RsT IV
12) RSt × Rst III
13) RSt × rST IV
14) RSt × rSt III
15) RSt × rsT III spaltend in 63 rot : 1 weiß
16) RSt × rst II 15 : 1
17) RsT × RST V rot
18) RsT × RSt IV
19) RsT × RsT IV
20) RsT × Rst III
21) RsT × rST IV
22) RsT × rSt III spaltend in 63 rot : 1 weiß
23) RsT × rsT III konstant
24) RsT × rst II spaltend in 15 rot : 1 weiß
25) Rst × RST IV rot
26) Rst × RSt III
27) Rst × RsT III
28) Rst × Rst II
29) Rst × rST III spaltend in 63 rot : 1 weiß
30) Rst × rSt II 15 : 1
31) Rst × rsT II 15 : 1
32) Rst × rst I 3 : 1
33) rST × RST V rot
34) rST × RSt IV
35) rST × RsT IV
36) rST × Rst III spaltend in 63 rot : 1 weiß
37) rST × rST IV rot
38) rST × rSt III
39) rST × rsT III
40) rST × rst II spaltend in 15 rot : 1 weiß
41) rSt × RST IV rot
42) rSt × RSt III
43) rSt × RsT III spaltend in 63 rot : 1 weiß
44) rSt × Rst II 15 : 1
45) rSt × rST III rot
46) rSt × rSt II
47) rSt × rsT II spaltend in 15 rot : 1 weiß
48) rSt × rst I 3 : 1
49) rsT × RST IV rot
50) rsT × RSt III spaltend in 63 rot : 1 weiß
51) rsT × RsT III rot
52) rsT × Rst II spaltend in 15 rot : 1 weiß
53) rsT × rST III rot
54) rsT × rSt II spaltend in 15 rot : 1 weiß
55) rsT × rsT II rot
56) rsT × rst I spaltend in 3 rot : 1 weiß
57) rst × RST III spaltend in 63 rot : 1 weiß
58) rst × RSt II 15 : 1
59) rst × RsT II 15 : 1
60) rst × Rst I 3 : 1
61) rst × rST II 15 : 1
62) rst × rSt I 3 : 1
63) rst × rsT I 3 : 1
64) rst × rst weiß 0 weiß

Wenn wir die Tabelle daraufhin ansehen, wie häufig die einzelnen Färbungen in F2 vertreten sein müssen, so ergibt eine Auszählung folgendes: