Sie drehte sich um und sah mich an. Ich war zu jung damals, um in den hungrigen Augen zu lesen, und sie lachte und ging weg.

Und da waren meine beiden Däninnen. Schwestern, blutjunge Dinger in blauen Matrosenanzügelchen und kleinen schwarzen Hütchen. Sie saßen immer zusammen und kicherten, und wenn die Sonne schien, leuchteten die goldblonden Haare. Ich sagte einmal irgend etwas zu ihnen, da schüttelten sie lachend die Köpfe, denn sie sprachen nur dänisch und verstanden keine andere Sprache. Am letzten Abend der Reise aber war ich mit ihnen zusammen. Spät war's schon, und ich saß allein auf dem dunklen Verdeck und starrte in die Sternenwelt hinaus. Da kamen die Schwestern, kichernd und lachend, und eine setzte sich rechts von mir und eine links. So blieben wir die ganze Nacht im Dunkeln und schauten aufs Meer hinaus und schauten einander an, und betrachteten das Sternengeglitzer und freuten uns, wenn die Wellen silberschäumend aufblitzten. Stunde auf Stunde verrann, und wir rückten immer enger zusammen.

Ohne auch nur ein einziges Wort sprechen zu können.

Ich hab' die beiden armen Dinger nach Jahren wieder gesehen in jämmerlichem Elend. Aber das ist eine andere Geschichte.


Wie ein feiner Dunstschleier lag's über dem Meer. Graue Gebilde tauchten auf am Horizont, kaum sichtbar in verschwommenen Umrissen, aber von erdrückender Masse, schwer, ungeheuer. Sie wuchsen, stiegen empor, nahmen Form und Gestalt an, zergliederten sich in schattenhafte Häusermassen, zerteilt, interpunktiert von himmelstrebenden, riesengroßen Schatten, die grob und eckig wie Würfel aussahen und gewaltig, als habe eine übermenschliche Hand sie hingestellt. Das Meer wurde lebendig. Schiffe kamen in Sicht – Dampfer, groß und klein, Segler, Ozeanschlepper. Und langsam lösten sich aus den Schatten Farben heraus, das Meer erdrückend, als wolle die Riesenstadt sagen: Hier herrsche ich!

Getöse überall. Aus dem Wasser taucht ein Weib auf, fackelschwingend, eine Strahlenkrone um das Haupt, die Statue der Freiheit. Nun fahren wir mitten im Häusergewirr, das auf allen Seiten unabsehbare Linien von Schiffen bunt umsäumen, in allen Farben, in allen Größen.

Zwei zierliche Schleppdampfer drängen unseren Schiffskoloß hübsch langsam und vorsichtig an den Pier, von dem aus schwarzer Menschenmenge weiße Tücher grüßend flattern. Die Gangplanken werden gelegt, die Kajütspassagiere gehen an Land, die Dampfwinden fördern eilend ihre Kofferlasten aus dem Schiffsbauch. Wir Zwischendeckler müssen lange warten, bis auch wir das Schiff verlassen dürfen und uns in der Landungshalle zur Zollrevision aufstellen können.

Die ging schnell genug vorüber; bei den armen Leuten vom Zwischendeck war nicht viel zu holen für Onkel Sam. Dann marschierte man uns auf einen kleinen Dampfer, der uns nach den Auswandererhallen hinübertrug.

Es war ein riesengroßer Raum, durch Holzwerk in lange, schmale Gänge eingeteilt, mit kleinen Holzhäuschen für die Ärzte und die Auswanderer-Kommissare. An denen mußten wir im Gänsemarsch vorbeischreiten. Nach einer Stunde etwa kam auch ich an die Reihe. Der Arzt sah mich flüchtig an und winkte nur mit der Hand, ich dürfe weitergehen; der Kommissar fragte mich nach meinem Namen und sah auf einer Liste nach, die er in der Hand hielt.