Das Auswandererhaus lag grau und nüchtern da. In der drückenden Abendschwüle hatte der Gedanke an die vielen Menschen in den kahlen Räumen, an die Bettreihen der Brettergestelle, etwas Abstoßendes. So wanderte ich noch umher trotz aller Müdigkeit. Ganz in der Nähe fand ich einen kleinen Park, Anlagen mit duftendem Jasmingebüsch und breiten Bänken, ein grünes Fleckchen, eingekapselt zwischen den Schiffsreihen des Hafens und den Häusermassen der Wolkenkratzer. In einem Winkel war noch ein Plätzchen auf einer Bank, neben einem Liebespärchen, lachenden, schwatzenden jungen Menschen.
Der Park lag in weichem Halbdunkel. Draußen auf allen Seiten flutete es von Licht, von den Tausenden von Lichtpünktchen im Hafen bis zu dem grellen Bogenlampenschein der Citystraßen. Rot und gelb und weiß blitzte es auf – Feuerräder, die irgend eine Reklame umrahmten hoch droben in der Luft auf Wolkenkratzern; Dampfer im Hafen, die mit ihren vielen Fenstern und Hunderten von Glühlampen aussahen wie schwimmende Lichtmassen; ein Meer von Licht überall. Und, wie aus weiter Ferne kommend, ein dumpfes Getöse, der vibrierende Ton des nächtlichen New York, die Nachtsprache der Riesenstadt, die sich aus Millionen, aus Milliarden von Einzelgeräuschen zusammensetzt, ein unbeschreiblicher Ton, bald wie leises Flüstern, bald anschwellend zu dröhnendem Tumult …
Da kam aus Müdigkeit und Verlassensein das Heimweh über mich. Auf der Bank im Hafenpark unter einer Laterne schrieb ich den ersten Brief an meine Mutter. Einen lustigen Brief. Über den Barbier und das Restaurant und die Bowery.
Das Pokerschiff.
Zwischen New York und Texas. – Vom amerikanischen Nationallaster. – »Fine game, dieses Poker!« – Die Weisheit des Bluffens. – Key West und Johnny Young aus San Antonio. – Eine bissige Bemerkung über Millionäre. – Im Salon! – Good bye, Miss Daisy … – Dies ist Texas, mein Sohn!
»There you are! Good bye!« sagte der zappelige kleine Agent der Mallorylinie, auf die Gangplanken des Texasdampfers deutend, nickte mir zu und verschwand im Gewühl.
Ein Höllenlärm herrschte auf dem Pier trotz der frühen Morgenstunde. Scharen von Arbeitern rannten vom Pier zum Dampfer und vom Dampfer zum Pier. Säcke, Kisten, Fässer schienen in der Luft umherzufliegen; Dampfwinden kreischten. Eine dröhnende Stimme von der Kommandobrücke trieb fluchend zur Eile an. Rußig und ungewaschen sah der schwarze Dampfer mit den grellroten Schornsteinbändern aus. Zwischen dahinstürmenden Menschen und daherpolternden Kaufmannsgütern kletterte ich an Deck, ohne daß eine Menschenseele sich um mich kümmerte. Hier gab's keine väterliche Fürsorge wie beim Norddeutschen Lloyd – keine Polizisten, keine eleganten Schiffsoffiziere, keine uniformierten Stewards, die einem Plätze anwiesen … Ein Mann in Hemdärmeln (dafür trug er aber elegante Beinkleider, Lackstiefel und eine goldberänderte Offiziersmütze) sah mich verwundert an, als ich ihm meine Zwischendeckskarte zeigte, und deutete einfach mit dem Daumen nach der Vorderdeckstreppe. Ich stieg hinab. In einem mäßig großen Zwischendecksraum standen eine Menge Kojen. Aber jede war mit irgend einem Gepäckstück belegt. Da kam ein Mann in weißer Jacke die Treppe herunter.
»Wo ist mein Platz?« fragte ich ihn.