Da auf einmal krümmten sich die beiden zusammen – senkten die Köpfe – rannten aufeinander los. Genau wie kämpfende Böcke. Die Schädel prallten in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stießen die schwarzen Köpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fünfmal. Beim fünftenmal kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schädel und schlich davon.
»Is' das nicht ein fein' kleines Köpfchen, das dies Kind hier auf die Schultern sitzen hat!« jubelte Neger Slim.
Wir aber lachten, daß wir beinahe von den Pferden fielen.
»Dafür soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,« sagte Charley. »Das ist das erstemal, daß ich ein richtiges Niggerboxen gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwürdiges Individuum. Sein Schädel ist so hart, daß wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus dem Fenster fiel und in der Luft inbrünstig gebetet haben soll: Dear Lord, laß mich auf meinen Kopf fallen, if you please, und ich armer Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so empfindlich, daß ihn der leiseste Stoß schmerzt. Wenn du einmal mit einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen kräftigen Fußtritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! Well – nun hör' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mußt nicht mitarbeiten beim Baumfällen! Mit Negern arbeitet man nicht zusammen!«
Ich schämte mich fast, daß ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so naiv ich den Neger betrachtete, so fühlte ich mich doch in natürlichem Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenüber genau so als Herr und Höherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdünstung des Negers sein mochte. Für den Neger soll der Weiße übrigens genau den gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man amüsierte sich über seinen grotesken Humor, über sein komisches Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in dem spärlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge und mußten dafür das Land bestellen und die Hälfte des Ertrags abliefern. Sie waren vollkommen abhängig von dem Herrn der Farm, weil sie fast niemals bares Geld in die Hände bekamen und immer in der Schuld des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen Wochen; die Männer in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen für die einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwächere und Untüchtigere unbedingt den Kürzeren ziehen mußte. So wurde das Land nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch nachlässige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mühte sich niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten zu bringen war, weil er als Tagelöhner zum Beispiel unter ständiger Aufsicht hätte sein müssen. Mir erschienen die Neger von einer fast kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als Kinder fühlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns, sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch aufgewachsen waren, selbständig verrichten. Man behandelte sie freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis erbeten zu haben; jeder Schwarze mußte ausweichen, wenn wir auf der Straße ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten oder sich in öffentlichen Räumen gleichzeitig mit Weißen aufhalten. Er war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.
Stück für Stück und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stämme türmten sich draußen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr, und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Geäst und nackte, weißschimmernde Baumstümpfe. Nun begann die eigentliche Rodearbeit; die Stümpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das ein Heidenvergnügen, und uns drei Weiße hielt es in ständiger Aufregung, weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das grobe Sprengpulver spaltete die Stümpfe nur und lockerte sie aus dem Erdreich. Feuer mußte die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf den Brand in das Gestrüpp, und langsam fraßen die roten Flämmchen in das Kleinholz, bis ein Windstoß kam und die kleinen Feuerzüngelchen zum rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glühendrote Rauchwolke weithin über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den Flammenherd und löschten Dutzende und Aberdutzende von Bränden, die durch glühende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengesträuch und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Löschmanier war höchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich gespannt und schleiften sie im Galopp über den brennenden Boden. Mehrere Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber hätte man auf der weiten Fläche kein Stückchen Holz mehr finden können; die Stümpfe, die herausgesprengten Wurzeln, die Äste, das Gestrüpp, das dürre Laub von vielen Jahren, der uralte Laubmoder – das alles war eine schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weißen Aschenhäufchen. So wurde aus dem Wald das Feld …
»Charley und Ed, die beiden Spitzbuben,« sagte der alte Muchow öfter als einmal, »sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige Schießerei hat mich schon halb verrückt gemacht, bei den Negern strolchen sie herum, – aber arbeiten tun sie, das muß man ihnen lassen. In einer Manier freilich, als täten sie's nur, weil's ihnen Vergnügen macht!«
Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fäuste und in meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche Englisch des amerikanischen Südens; lernte den merkwürdigen Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows fühlten sich unabhängig wie große Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz, aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weißen Männer auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art, aber sie aßen Maisbrot und Speck das Jahr über und wohnten in rohen Holzhäusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein Mensch wäre hundert Meter zu Fuß gegangen, aber die Tiere wurden niemals beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und verkommen aus, die Straßen nach der Stadt waren in einem so erbärmlichen Zustand, daß sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstücken um sich, und die Hälfte des Jahres mußten sie bei den Geschäftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch nehmen. Man arbeitete aus Leibeskräften – ließ aber auf einmal alles liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister So und So von der nächsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbärenjagd. Dann sattelte man schleunigst die Gäule und ritt mit.