»Loslassen!« befahl Doktor Gonzales.
Ich sah, daß es nicht anders ging, daß wir uns nicht anders helfen konnten — aber doch schüttelte mich ein unbezwingbares Grauen, als die Leiche plumpsend unten aufschlug und die Wolldecke sich verschob, das geistergelbe Gesicht bloßlegend, das nun aus der Tiefe gen Himmel zu starren schien. Der Arzt nahm rasch die Schaufel vom Sandhaufen, bückte sich und schob mit dem Stiel die Decke wieder über das tote Gesicht.
»Ruhe in Ehren!« sagte er leise. »Du bist für dein Land gestorben.«
Wir nahmen die Hüte ab, und der Kubaner schickte sich an, das Grab zuzuwerfen.
Das war das Begräbnis.
Ein toter Mann wurde in der verschmutzten Wäsche, in der er gestorben war, in ein Loch geworfen — ein mürrischer Kubaner schaufelte Sand hinein — ein schwitzender Neger stand daneben und half, leise fluchend über die schwere Arbeit in der heißen Sonne. Roh war’s, fürchterlich roh, nicht zum Beschreiben brutal. Und doch hätte jeder Narr sehen müssen, daß es eben nicht anders ging in der Not der Verhältnisse. Weil ich so schwach war vielleicht, erschien mir alles noch roher und furchtbarer — der trostlos öde Sand — die niederen Grabhügel links und rechts mit ihren Holzstückchen, auf denen große Nummern standen — der schmutzige, gefühllose Totengräber ...
Der Arzt sah gedankenvoll auf die Grabhügel. »Fünfundzwanzig tödlich verlaufene Fälle bis jetzt!« sagte er zu mir. »Ein verhältnismäßig günstiges Resultat!!«
Wir gingen ins Haus, während Neger und Kubaner das Grab zuschaufelten. Von Bett zu Bett führte mich Doktor Gonzales. Er zeigte mir, wie man die Schnelligkeit der Atmung maß, und wie man ungebärdige Fieberkranke durch kräftigen Druck auf das Rückenmark beruhigte, während das Fieberthermometer eingeführt wurde. Das Ueberwachen der Temperaturen sollte meine Arbeit sein. Darauf kam es, so erklärte mir der Arzt, vor allem an, denn von seinem rechtzeitigen Eingreifen beim Steigen und Fallen der Fieberkurve hing Leben und Tod ab. Auf den Neger und den anderen Krankensoldaten konnte er sich nicht verlassen. Die Leute waren nicht nur beinahe zu Tode gearbeitet mit hunderterlei Pflichten, sondern es war auch ganz unmöglich, den einfachen Menschen beizubringen, daß ein Unterschied von wenigen Graden auf dem Thermometer der Unterschied zwischen Leben und Sterben war.
»Und ich kann ja nicht überall zugleich sein!« murmelte der Arzt, und etwas Trauriges kam in sein ruhiges, kraftvolles Gesicht.