Vielleicht hat mir einst die Persönlichkeit Lizzie Burtons diese Frage beantwortet. Noch ist die Eigenart der Amerikanerin nicht greifbar deutlich zu erkennen im großen Zug, denn ein Wust von Ueberliefertem umgibt sie und streitet mit Neuem. Ist doch die anscheinend so echte Dollarprinzessin nichts weiter als uralter englischer Reichtumsdünkel, ein wenig freiheitlicher auflackiert; die Prüde, im Grunde ein Produkt ebenfalls englischen Puritanertums, und durch das amerikanische Sektenwesen noch ein wenig mehr belastet; die Anspruchsvolle, eine naive Nachahmerin ihrer nationalen Urgroßmütter, die in Schiffsladungen nach dem neuen Männerland gebracht wurden und begehrter waren denn Edelgestein. Mit all diesen Dummheiten kämpft jedoch sicherlich, und zwar ohne daß die männlichen und weiblichen Leutchen es wissen, in selbstverständlicher Entwicklung die kerngesunde, praktische, vernünftige Eigenart des amerikanischen Landes. Und schließlich wird vielleicht einmal aus der jetzigen sogenannten Amerikanerin, die recht unamerikanisch sein kann, ein nationaler Typ entstehen. Die praktische, kluge, stolze Frau, die ihr Geschlecht weder unterschätzt noch überschätzt, und die Erde der Arbeit mit dem Himmel des Gefühls in Einklang zu bringen weiß, ohne ein Närrchen zu sein, oder ein poesieloses Mannweib. Vorläufig aber darf man weder in der Dollarprinzessin noch in der anspruchsvollen Göttin noch im armen Arbeitstier die wirkliche Amerikanerin zu erblicken glauben — denn eine wirkliche Amerikanerin gibt es noch nicht...

Wie das Wandern wieder begann.

Meine periodische Frühlingsdummheit. — Das große Neuyork ist zu klein für mich. — Die Sehnsucht nach dem großen Ereignis. — Hinaus! Erleben! — Die neue Wanderschaft beginnt. — Journalist im Herumziehen. — Der pennsylvanische Bergarbeiterstreik. — Der Sergeant wird ausgepumpt. — Ich schlage der Miliz ein Schnippchen. — Die Bergleute schlagen mir ein Schnippchen. — Das Ende des Streiks. — Seine Ursachen. — Ein raffiniertes Ausbeutesystem. — Die Blechmarkenwirtschaft. — Journalistenfahrten kreuz und quer. — Das Ereignis fehlt immer noch...

Die ganz großen Dummheiten im Leben habe ich immer in den Zeiten des Jahres gemacht, da der Frühling nahte. Wenn andere Menschen zu sanfter Lyrik sich neigten und in beifälligen Sehnsüchten des Bibelworts gedachten, das Alleinsein des Menschen sei nicht gut, dann wurde irgend etwas in mir gewaltig rebellisch, und die Gehirnkämmerchen, in denen die Tollheit, der Wandertrieb, die Veränderungssucht eine Zeitlang wenigstens wohl verwahrt gewesen waren, müssen dann plötzlich ihre Türchen geöffnet und meinen Schädel mit ihrem gefährlichen Inhalt überschwemmt haben.

Und so ist es auch an einem Vorfrühlingstag gewesen, an einem jener wundervollen Tage, deren herbe Luft und junger Sonnenschein wie eine Verkündung neuer Kraft und neuen Werdens den Menschen packen, als ich im tollen Verkehrsgebrause den Broadway hinunterschritt und im Gehen wirre Träume träumte um mein liebes Ich herum.

Ich bin im Luftschlösserbauen nie sparsam mit Material und Größenverhältnissen gewesen und verzichtete auch diesmal auf alle Kleinlichkeit. Ich sehe die Luftschlösser noch ganz genau vor mir. Es ist mir erinnerlich, daß ich in dem rasenden Tempo, das solchen Träumen eigen ist, einen neuen kubanischen Feldzug erlebte, nur mit dem kleinen Unterschied, daß ich nicht Signalmann war, sondern kommandierender General der amerikanischen Armee, um dann mit einem in Träumen furchtbar leichten Uebergang Zeitungsmilliardär zu werden und als Besitzer von einigen Dutzend Riesenzeitungen die Geschicke eines Erdteils zu beeinflussen, und nun, presto, neues Zauberbild, das Knirschen und Rauschen von Eisenbahnbremsen zu hören und den sausenden Luftzug jagender Fahrt auf der Lokomotive zu verspüren. Ich weiß noch so gut, als stünde ich wiederum an der Ecke von Broadway und 58. Straße, wie das Gedränge mich aus den Träumen scheuchte, und ich sehe noch das entrüstete Gesicht der jungen Dame, der ich in den Arm gelaufen war, und höre noch das scharfe »sir!« ihres Begleiters. Und ich entsinne mich sehr wohl, wie nun auf einmal meine goldene Frühlingslaune tollfröhlichen Träumens in bittere Unzufriedenheit umschlug.

Langsam schlich ich mich in mein Zimmer im Montgomery und setzte mich ans offene Fenster.

Wie das nach Rauch und Schmutz roch trotz aller Frühlingsluft! Wie grau und düster die Häuser aussahen trotz allen Sonnenscheins und wie langweilig das lärmende Getriebe da unten doch war, wenn man wußte, daß es aus gleichgültiger Tagesarbeit strömte und zu gleichgültiger Tagesarbeit ging. Die Wolkenkratzer, wie waren sie altbekannt und fade; die riesigen Häusermassen, wie ausdruckslos geworden!