»Die Blechmarken sind abgeschafft — Mulvaney ist entlassen — die Preise der Lebensmittel werden nach dem Standard von Pittsburg reguliert. Wir haben, was wir wollten, Jungens. Die Union hat zu euch gehalten; haltet ihr immerdar zur Union und ihr werdet noch Diamanten tragen!«
Eine Hölle von Lärm brach los.
Weiber stürzten zu ihren Männern, lachend und weinend zugleich; alles schrie, lärmte, zeterte. Die wenigen Amerikaner unter den Bergleuten erklärten denjenigen fremden Miners, die halbwegs Englisch verstanden, wie der Sieg errungen worden sei, und diese wieder verdolmetschten es aufgeregt und gestikulierend ihren Landsleuten. Englische, italienische, deutsche, slavische Worte schwirrten wirr durcheinander. Es war ein neuer Turm zu Babel. Mir wurden immer wieder die Hände geschüttelt, und der Riese klopfte mich auf die Schulter, daß ich in die Knie knickte, und der wollte in gebrochenem Englisch erzählen, und jener schrie dazwischen, und es wurde tief getrunken und gellend gejubelt, und ich trank alles in mich ein.
Recht und abermals recht hatten sie, diese armen Teufel, so schien es mir. Eine winzige Ursache hatte den Streik herbeigeführt. Da war ein Aufseher gewesen, ein Irländer namens Mulvaney, der das berüchtigte Hetzpeitschensystem des amerikanischen Unternehmers ein wenig zu straff durchgeführt hatte. Um Höchstleistungen der Arbeitskraft zu erzielen, wurde der einzelne Arbeiter bei jeder Versäumnis mit kleinen Geldstrafen, Zeitverkürzungen, Gewichtsabzügen so gründlich schikaniert, daß endlich den Bergleuten die Geduld riß. Sie rebellierten gegen die tägliche Peitsche. Das war ihnen die Hauptsache. Nebenbei fiel ihnen ein, daß sie auch sonst noch Sorgen hatten. Die lieben Leute in Pittsburg, denen die Mine gehörte, operierten nach uraltem amerikanischem Brauch höchst skrupellos mit der endlosen Kette, die das Geldgetriebe vom Arbeitslohn zum Lebensbedarf in Bewegung setzt. Sie hatten jede Ansiedlung von Kaufleuten zu verhindern gewußt, und das Bergwerk selbst lieferte alle Lebensmittel, alle Kleider, alle kleinen Notwendigkeiten und Genüsse bis hinunter zum Bier. In schlechter Qualität natürlich und zu hohen Preisen.
Man macht das überall so im Land der sogenannten Freiheit, das den Ruhm für sich in Anspruch nehmen darf, dieses kluge System ersonnen zu haben. Sein Witz ist, daß der Unternehmer nicht nur den gewaltigen Unterschied zwischen Eigenkosten und Verkaufspreis einsteckt und ein glänzend rentables Geschäft im Geschäft eröffnet, eine Art Warenhaus, dessen Kunden Zwangskunden sind, weil sie von ihm abhängen, — sondern er erspart sich die Hauptsorge des Kapitals, die Lohnzahlung! Er schafft sich eine eigene Währung! Blechmarken bekamen diese fremden Arbeitstiere — der geborene oder auch nur akklimatisierte Amerikaner ist für diese Sorte Arbeit nicht zu haben — hübsche blecherne Blechmarken, auch auf Vorschuß, so viel sie nur haben wollten. In allen Werten vom Dollar bis zu fünf Cents. Dafür konnten sie in den Läden der Gesellschaft einkaufen. Wenn der Zahltag kam, so bestand die Bezahlung aus einer Quittung über einen so und so hohen Betrag in Blechmarken und der Mitteilung, daß der Arbeiter Soundso noch so und so viel schuldig sei. Ein recht Sparsamer mochte auch einmal einen Dollar oder zwei in bar erhalten. Aber das kam selten vor. So rollte die Kette endlos. Ersparte sich jedoch wirklich einmal ein Arbeiter Blechgeld, so konnte er den fingierten Wert nicht etwa in wirkliches Geld umtauschen, denn das verbot ja das Münzgesetz der Vereinigten Staaten! Nein, er mußte sein Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes aufessen. Oh, der amerikanische Kapitalist ist ein lieber Mensch! Man bedarf wirklich keiner besonderen nationalökonomischen Talente, um sich auszurechnen, ein wie ungeheurer Prozentsatz des gezahlten Arbeitslohnes auf diese Weise wieder in die Taschen des Arbeitgebers zurückfließt.
Jetzt waren sie abgeschafft, der Aufseher und die Geldmarken. Dem Aufseher folgte wohl ein anderer, der klüger war, und statt der Blechmarken bekam jeder Arbeiter sein Einkaufsbuch. Die Form hatte sich geändert. Die Sache blieb.
Und ich schüttelte den Kopf und starrte in die leidenschaftlichen Gesichter und versuchte, mir Wort, Mienen, Art einzuprägen. Soldaten von der Miliz kamen; es wurde gelacht, geschrien, gesungen. Spät nachts schrieb ich mitten im Lärm ein langes Telegramm, das die Western Union-Agentur auf dem Bahnhof beförderte. Im Morgengrauen fuhr ich mit einem Frachtzug nach Pittsburg zurück und im sausenden Pullmanwagen entstand dann auf der Fahrt nach Neuyork die menschliche Geschichte eines kleinen Kohlenstreiks.
O ja, sie wurde sofort genommen. Aber meine schönen sozialen Erwägungen strichen sie mir weg.
»Das verstehst du nicht, Söhnchen,« meinte der maßgebende Mann vom Journal. »Bleib nur hübsch bei den Bilderchen. Bleib bei deinem menschlichen Interesse!«