Fünf Stunden später. Soeben ward sie mein Weib. Man zieht aus, meinen Bruder zu suchen, den man seit gestern Abend vermißt. Keines ahnt, wie nahe ihnen der Mörder ist, sie würden ihn sonst dem Hochgerichte überliefern. Der Oheim will an einen Raub glauben machen, hat ihm abgenommen, was er an Werth besaß und mir gegeben. Darunter eine Kapsel mit sein und ihrem Bilde und dem Spruch:

Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,

Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Es ist gelöst – ich hab's gelöst und meines Bruders Wittib gefreit. Die Kapsel habe ich aber vernichtet mit den anderen Dingen. Und ich liebe sie doch, die schöne Falkin – bleich wie der Tod stand sie neben mir am Traualtare, mit seltsam auf mich geheftetem Blick – – still, man kommt –«


Hier endeten die Aufzeichnungen des unglücklichen Ferdinand. Auf der nächsten Seite stand in festen, großen Schriftzügen:

»Am 20 Julii anno domini 1618 vermählte sich der Freyherr Ferdinand von Falkner auf dem Falkenhofe mit seiner Base, der Freiin Maria Dolorosa von Falkner, Hofjungfer der teutschen Kayserinn. Die Braut ward am selben Abend vom Wahnsinn befallen und verwundete ihren Eheherrn im Brautgemach tödlich mit einem hispanischen Stilet. In den Frühstunden des 21. Julii starb er. Gott schenke seiner Seele das Paradies und gehe nicht in's Gericht mit ihr.«

Weiter unten stand von derselben Hand geschrieben:

»Am selben Morgen fanden sie des Lupold Leiche: Keiner weiß, wer die That gethan.«