Dagegen fand Dolores nichts zu sagen, denn es war richtig.
»Es ist ganz dieselbe Sache mit ›berühmten Leuten,‹« fuhr Fräulein von Drusen fort. »Man läßt dieselben sich in unseren Salons wie die Gassenbuben betragen, sie dürfen uns ohne weiteres Grobheiten sagen, die wir uns von anderen nicht gefallen lassen würden, und warum? ›Weil berühmte Leute ihre Schrullen haben.‹ Meiner Ansicht nach sollen berühmte Leute diese Schrullen bei sich zu Hause lassen, wenn sie ausgehen, und sich besonders durch ein feines Benehmen auszeichnen.«
»Ei gewiß,« meinte Dolores nachdenklich. »Aber Sie haben sehr recht: dies Betragen berühmter Menschen hängt ganz von der Duldsamkeit der Gesellschaft ab.«
»Nicht wahr? Nun sehen Sie, Professor Keppler, der doch sicher eine Berühmtheit ist, giebt uns ein Muster, wie man sich würdevoll, ohne ein Dandy zu werden, in Salons bewegt, und Sie, liebe Baronin – ja, Sie sind eben eine Dame – damit ist alles gesagt. Das macht das Blut, meine Liebe, das Blut.«
»Glauben Sie?« fragte Dolores ironisch. »Aber dann verleugnet sich das Blut bei dem guten Grafen dort gänzlich.«
»Ja, es ist ein Ton in unseren Kreisen mode geworden, der zu meiner Zeit unmöglich war,« entgegnete die feudale alte Dame ernsthaft.
Man hatte indes das Trio sattsam durchgesprochen in seinen Einzelheiten, und jetzt kam der Erbprinz und reichte Dolores den Arm, sie zum Flügel zu führen, und ohne sich nötigen zu lassen, folgte sie dem Rufe – Gräfin Schinga übernahm die Begleitung.
Und Dolores sang. Es war ein süßes, gar schönes Lied des so feinfühlenden Mendelssohn: Es weiß und rät es doch keiner.
Wie ein Hauch nur, leise und anschwellend vorgehend, durchdrang der erste Satz des Liedes den todstillen Saal, und erst, als es hieß:
Ich wollt', es wäre schon Morgen,