»So ist der Würfel gefallen,« dachte sie. »Wie schnell doch alles im Leben wechselt!«

Und dann wandte sie sich ab, durchschritt den prächtigen Rokokosalon und trat in die Bildergalerie ein. Dort suchte ihr Blick das Bild der »bösen Freifrau,« der Heldin von Mamsell Köhlers Geistergeschichte, und wieder war sie wie vorher überrascht von ihrer eigenen Ähnlichkeit mit der Ahne, die gar nicht böse, sondern nur so todestraurig aussah und mit den schwarzen, glanzlosen Augen beredt herabblickte auf ihr Ebenbild, die letzte Freiin von Falkner.

»Ich muß Näheres über sie erfahren,« gelobte sich Dolores, seltsam angemutet durch das Porträt.

Dann schritt sie weiter, durch das kleine, jetzt zur Bücherei gemachte Gemach und betrat das schöne, luftige Schlafzimmer, vor dem sie so gewarnt worden war. In dem Vorzimmer mit den Eichenschränken hörte sie Schritte – es waren Ramo und Mamsell Köhler, welche den kleinen Koffer, welchen sie mitgebracht, auspackten und dessen Inhalt passend in den Schränken verteilten.

»Ramo,« sagte sie, auf der Schwelle stehend, »ich habe Aufträge für dich!«

»Ja, Señora,« erwiderte der alte Diener, seiner angebeteten Herrin in das Schlafzimmer folgend; dabei wollte er die Thür schließen, aber Dolores bedeutete ihn in spanischer Sprache, daß dies nicht nötig sei.

»Da haben wir's,« dachte die kleine Beschließerin entrüstet, »da haben wir die babylonische Sprachverwirrung auf dem Halse, so daß kein Christenmensch verstehen kann, was geredet wird. Da können die da drinnen ja den Tod von einem besprechen, ohne daß man es weiß, und von Geheimnissen erfährt man überhaupt kein Jota mehr!«

Trotz dieses für sie sehr betrübenden Faktums machte sich Mamsell Köhler doch noch einiges in dem Kabinett zu schaffen, denn, man konnte ja doch noch irgend ein verständliches Wort aufschnappen, wie sie sich klassisch ausdrückte.

»Ramo, du wirst heut' noch mit dem Nachtzuge nach B. zurückreisen,« sagte Dolores freundlich auf Spanisch. »Dort sagst du Tereza, sie soll meine Sachen packen und sich bereit machen, mit dir so bald als möglich hierher zu übersiedeln. Während sie packt, gehst du zu dem Generalintendanten und giebst dort den Brief ab, den ich dir übergeben werde. Mein Urlaub läuft morgen ab, und du mußt die Konventionalstrafe zahlen, die auf meinem Kontraktbruch für den Rest der Saison steht.«

»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen schnelles, echt südliches Begriffsvermögen ihn zu dem Geschäftsführer seiner Herrin gemacht, »Señora werden also das Theater verlassen?«