»Auch ich bin eine echte Falkner,« entgegnete Dolores, »und wenn wir, die Zweige eines Stammes, einander nicht verstehen können, so sei es drum – er hat es so gewollt, nicht ich, dafür ist Gott mein Zeuge.«

»Gut, aber an dem stolzen Freiherrn ist es nun, den Sachverhalt etwaigen mißverstehenden Gemütern beizubringen.«

»Gleichviel, mir liegt nichts daran,« sagte Dolores, und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Es wird dunkel – ich muß ins Schloß zurück, sonst suchen sie mich am Ende mit Fackeln!«

Sie erhob sich und legte die schnurrende Ida sanft auf das Sofa. Dann reichte sie Engels die Hand.

»Gute Nacht denn,« sagte sie herzlich, »ich komme wieder zum Plaudern in der Dämmerstunde, wenn Sie mich mögen. Das thut wohl, wenn man den Tag mit nicht allzu heiteren Gedanken zugebracht hat, denn, lieber Freund, es giebt Dinge, die sehr schmerzen, und das, das mit Alfred Falkner hat geschmerzt!« Sie beugte sich herab, den wedelnden Dächsel zu streicheln, und verließ ohne ein weiteres Wort das »Türmchen.«

***

Die junge Herrin hatte die erste Nacht auf dem Falkenhof unruhig zugebracht. Sie lag unter den schweren Damastvorhängen ihres großen Bettes und konnte doch nicht schlafen, als aber die Müdigkeit gegen Morgen ihr die Augen schloß, hatten seltsame Träume ihr den Segen dieser kurzen Rast geraubt.

Sie war endlich spät am Morgen erschreckt emporgefahren und bedurfte einiger Zeit, sich zu sammeln und sich zu sagen, daß sie wirklich und wahrhaftig geschlafen und geträumt, und nicht, nach der Manier exaltierter Leute, Geister gesehen hatte. Und doch, sie hätte darauf schwören mögen, daß sich die Boiserie dort an der Wand, welche die Bücherei von dem Schlafgemach trennte, verschoben hatte, und durch die entstandene Öffnung die »böse Freifrau« getreten war, ganz so, wie sie auf dem Bilde zu sehen war, daß die schöne Ahne an ihr Bett getreten und sie geküßt und ihr zugeflüstert hatte: »Ich grüße dich, Dolores, Erlöserin! Ich werde bei dir sein, bis es erfüllt ist!« – Dann hatte sie noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt, einen langen, innigen Kuß, den Dolores bei der Erinnerung daran mit leisem Schauern fühlte, und war die Bettestrade herabgeschritten, direkt auf ein kleines Madonnenbild zu, das über dem Betstuhl am Fußende des Bettes hing. Auf das Bild hatte sie lächelnd gedeutet und die eine Stelle des Rahmens mit der Hand berührt, dann hatte sie diese Hand zum Gruß für Dolores geküßt und war desselben Weges gegangen, den sie gekommen.

Etwas verwirrt von der Lebhaftigkeit dieses Traumes erhob sich Dolores und kleidete sich an. Drüben im Turmzimmer stand schon ihr Frühstück bereit, das Mamsell Köhler selbst zierlich arrangierte. Beim Durchschreiten der Bildergalerie warf Dolores einen forschenden Blick auf das Porträt, das sich ihr so lebhaft eingeprägt, daß sie sogar davon geträumt – die »böse Freifrau« lächelte ebenso traurig daraus herab, wie gestern.

Mamsell Köhler schien sehr erfreut, ihre Herrin heil und gesund wiederzusehen.