»Hier,« sagte er und deutete auf einen in Pergament gebundenen Folianten, den er unterm Arm trug, »hier ist der Band der Familienchronik, der genaue und authentische Nachrichten giebt über die sogenannte ›böse Freifrau‹. Aber es ist eine Tragödie der Sünde, die Sie da lesen werden!«

Dolores dankte, nahm ihm den Band ab und trug denselben in das Turmzimmer. Aber ehe sie zu lesen begann, holte sie das Medaillon mit den Miniaturen und das Missale herbei, diese auf so seltsame Weise gefundene Dinge sollten die Lektüre, die ihrer harrte, illustrieren, und wie sie sie aus ihrem Verstecke nahm, da fiel ihr's ein, daß dies der rechte Ort sei, ihre Juwelen zu bergen, und Tereza schob die bronzene Kassette hinein in die Nische auf das Geheiß ihrer Herrin, die ihr auch das Geheimnis lehrte, die Nische zu öffnen und zu schließen.

Dann kehrte sie nach dem Turmzimmer zurück und fand dort abermals den Doktor vor mit einem ähnlichen Bande, wie den bereits gebrachten.

Er übergab ihr denselben feierlichst als den letzten Teil der Chronik des Hauses Falkner, in den sie jetzt das Datum des Todes ihres Vorgängers im Falkenhofe einzutragen und ihre eigene Autobiographie zu beginnen hatte, die fortgeführt werden mußte, bis ihr Nachfolger die Reihe der Blätter, die von ihr Kunde geben sollten, schloß. Dieser Band blieb von nun an in ihrem Besitz, bis sie selbst den Ahnen des Hauses angehörte, und ein goldener Schlüssel, der das Buch doppelt schloß, ward von nun an ihr Eigen. So wollte es das Hausgesetz der Falkner seit alten Zeiten, und drüben in der Bibliothek standen aufgereiht die Bände, die Kunde gaben, oft in wunderlichen Schriftzügen von den Falkners, besser als Stammbäume es können.

Dolores nahm diesen Band mit einem Gefühl der Ehrfurcht entgegen, denn seine noch unbeschriebenen Blätter enthielten ja schon ihre Geschichte bis zu dem Tage, da eine andere Hand wiederum das Datum ihres Todes darein eintragen würde. Dabei legte sie das Missale und das Medaillon seitwärts auf ihren Schreibtisch – sie wollte vorläufig nicht davon sprechen, ihren Fund nicht bekannt geben. Allein das scharfe Auge Ruß' entdeckte die Gegenstände sogleich.

»Welch' köstliches altes Buch haben Sie da?« fragte er, und setzte hinzu: »Verzeihen Sie einem Archäologen die zudringliche Frage!«

»Es ist ein Gebetbuch,« entgegnete Dolores kurz. »Ich zeige es Ihnen ein andermal!«

Dagegen war nichts zu machen, und Ruß war zu klug, um seine Neugier sofort befriedigen zu wollen. Er warf daher noch einen scharfen Blick auf das alte Buch – die Kapsel vermochte er schwer zu unterscheiden, wünschte Dolores »Gute Nacht« und entfernte sich.

Als sie allein war, schlug sie den älteren Band der Chronik, den Ruß mit einem Zeichen versehen hatte, an der betreffenden Seite auf. Links stand in steifer, ungelenker Handschrift ein Todesdatum verzeichnet, rechts begann dieselbe Handschrift weiter zu schreiben, und Dolores las wie folgt:

»Heut' am 15. des Mayen, anno domini 1618, zwo Tage nach dem Tode meines Herrn Vatters trat ich, der Freyherr Ferdinand von Falkner, mein Erbe auf dem Falkenhofe an. Gott gebe mir Seinen Segen dazu.