»Nun, es ist schon so viel Unglück passiert mit dem dummen Schießen,« schloß sie, und er nickte bestätigend.

Daß Dolores selbst an jenem Abende noch lange über diesen vielbesprochenen Schuß nachdachte, ist selbstverständlich, wenn man erwägt, daß sie sich als Zielscheibe dafür ansehen mußte. Ramo, dem sie nun auch davon erzählte und ihm auftrug, wachsam zu sein, war mehr erschrocken als er zeigte, und kombinierte sogleich die Fußstapfen im Nordflügel, der nunmehr für die Einquartierung wieder eingerichtet war, mit dem Schützen im Park. Doch Dolores wollte das nicht einleuchten.

»Denke nur, wie lange es her ist, seitdem wir damals diese Fußspuren fanden,« meinte sie. »Es ist viel Zeit dazwischen, mehr als jemand nötig hat, um einen geeigneten Moment zum Abfeuern des Schusses zu finden.«

Ramo mußte seiner Herrin recht geben, und obgleich Dolores sich einzureden versuchte, daß die Kugelmarke wirklich vorher schon in dem Briefbogen war, ging sie doch mit dem unheimlichen Gefühl zur Ruhe, daß es anders war und jemand existierte, der ihr feindlich gesinnt war.

Beim Durchgehen durch das kleine Bibliothekzimmer neben ihrer Schlafstube fand sie einen mächtigen Band auf dem Tische liegen, den sie vorher nicht gesehen. Auf ihre Frage berichtete Ramo, daß Doktor Ruß den Band heut' Nachmittag, als Dolores ausgegangen war, selbst heraufgebracht und, da er sie nicht antraf, hier niedergelegt und mit Zeichen versehen hatte. Er, Ramo, sei indes abgerufen worden und als er nach ein paar Minuten wieder zurückgekehrt sei, um dem Herrn Doktor die Thür zu öffnen, habe er Doktor Ruß oben nicht mehr angetroffen.

»Ich hab's im ganzen nicht gern, wenn jemand sich in meinen Zimmern aufhält, während ich ausgegangen bin,« meinte Dolores, sich setzend, »doch das soll kein Tadel für dich sein, lieber Ramo.«

»Ich weiß, meine Herrin ist gütig,« murmelte der erprobte Diener beschämt. »Und wenn mich Tereza nicht für einen Moment in den Korridor gerufen hätte, wäre Herr Doktor auch nicht allein hier zurückgeblieben.«

»O, ich meine ja nicht, daß Doktor Ruß oder jemand anderes hier etwas Unrechtes thun würde,« erwiderte Dolores lächelnd über die Auffassung Ramos. »Mir ist nur der Gedanke fatal, daß ich meine Zimmer nicht immer für mich allein habe.«

»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen Fehler langsames Begreifen nicht war, und ging mit einem unterthänigen »Gute Nacht!«

Dolores schlug den gebrachten Band auf – es war eine alte Meriansche Chronik, von welcher Doktor Ruß ihr gesprochen und die er aus der großen Bibliothek hervorgesucht hatte. Trotzdem sie für diese Litteratur großes Interesse hatte, las sie heut' dennoch nicht jene naiven und schlichten Berichte »kurioser Begebenheiten« vergangener Jahrhunderte, sondern blätterte zerstreut in den Kupferstichen und Holzschnitten, welche verschwenderisch die Chronik zierten. Darüber wurde sie müde, und als sie sich erheben wollte, um schlafen zu gehen, da überkam es sie mit solcher Mattigkeit, daß sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und die Augen schloß. Da hatte sie das angenehme, wohlige Gefühl, langsam und leise zu schweben, gelehnt in einen festen, sicheren Arm, und als sie wieder festen Boden unter sich spürte und mit Anstrengung versuchte, die Augen zu öffnen, da sah sie sich oder glaubte sich vor dem Bilde der Ahnfrau drinnen zu sehen im Saal, trotzdem sie keinen Fuß gerührt hatte, hinein zu gehen. Und die Ahnfrau trat aus dem Rahmen heraus und an ihre Seite.