»Das ist recht,« stimmte sie zu. »In diesem Sinne darf ich dich nicht halten.«
Fräulein Köhler stöhnte innerlich zwar große Stücke über »den Picknickunsinn,« aber er wurde dennoch ins Werk gesetzt.
Dolores zog sich sofort nach dem Lunch zur Ruhe in ihr Zimmer zurück, und so oft Frau Ruß an diesem Tage oben anklopfte oder bei dem unablässig wachsamen Cerberus Ramo anfragte, ob sie Dolores sehen könnte, so oft wurde ihr gesagt, daß die Herrin vom Falkenhof ruhe, und als es so weit war, um zum Picknick am Hexenloch aufzubrechen, da war Gräfin Schinga oben – Frau Ruß also überflüssig geworden.
Dolores war seit jenem verhängnisvollen Abende nicht mehr am Hexenloch gewesen, trotzdem sie diesen wildromantischen, geheimnisvoll malerischen Fleck Erde unter den Blutbuchen und den hohen, ernsten Tannen früher so sehr geliebt hatte. Daß der Platz, an den sich so viele unheimliche Sagen knüpften, an dem sie die süßeste und doch auch bitterste Stunde ihres Lebens verlebt, an welchem sie fast den Tod gefunden, heut' wiederhallen sollte von heiterem Lachen und lustigen Worten, das schien ihr, als sie sich's überlegte, freilich ganz undenkbar, aber es ist ja schließlich der Lauf der Welt, und so fuhr sie im leichten Parkwagen an der Seite ihres vornehmsten Gastes, des Kommandeurs, zum Picknickplatz, denn der Weg war ihr zu weit geworden für ihre schwankende Gesundheit, und sie wollte dann lieber zurück gehen. Die anderen waren alle schon da, als sie am Hexenloch ankamen, und lagerten auf dem grünen Rasen um das weiße, ausgebreitete Tafeltuch, darauf ausgebreitet stand, was eine feine Küche zu liefern vermag.
Dolores überlief unwillkürlich ein kalter Schauer, als sie die Stätte betrat, wo sie mit den dunkeln, tückischen Wassern um ihr Leben gekämpft – aber damals war es offener Kampf gewesen mit einem Feinde, der sie besiegt hätte ohne Alfred Falkners Hilfe; heut' aber kämpfte sie denselben Kampf mit einem Feinde, den sie nicht zu nennen wußte, und ihr ahnte, daß sie diesem verkappten Unhold erliegen würde. Denn er hatte sich zu ihr gestohlen wie der Dieb in der Nacht, er hatte ihre blühende Gesundheit untergraben, ihr Kraft und Lebensmut geraubt und lag mit bleierner Schwere in ihren Gliedern.
Und es war fast wie damals am Hexenloch, nur daß die Sonne höher stand und neugierige Strahlen warf auf das blitzende Silberzeug der improvisierten Tafel auf dem Rasen, auf die leuchtenden Uniformen der Husaren, auf Dolores Falkners schimmerndes Haar. Es waren außer ihr nur noch drei Damen zugegen: Lolo, Gräfin Schinga und Frau Ruß. Und letztere hatte sich neben Dolores gesetzt, doch wurde sie, der bunten Reihe wegen, bald von ihrer Seite gedrängt.
Als man beim ersten Glase Sekt miteinander anstieß, da ließ Dolores auch das ihrige mit dem des Doktor Ruß zusammenklingen.
»Seien Sie nicht böse – ich bin eine kranke und nervöse Person,« sagte sie mit Bezug auf die Vorgänge der letzten Nacht, denn sie hatte sich's überlegt, wie leicht man manchmal ein Wort spricht, wie »es ist nicht wahr,« ohne dabei etwas zu meinen in diesem Ausruf des Staunens. Und der Mann hier, dessen Blick sie mehr erschreckt, als seine Worte sie empört hatten – er war ihr Gast.
»Man ist Damen niemals böse,« erwiderte Doktor Ruß und zog ihre Hand an seine Lippen.
Bald thaten der Sekt und die muntere Gesellschaft ihre Schuldigkeit – denn durch den Park klang weithin das laute, herzliche Lachen des sorglos fröhlichen Kreises. Und die lauteste darunter, ein Sprühteufel an Witz und Laune, war Lolo Falkner!