»Die schöne Nacht verlockte mich noch zu einem Spaziergange,« erklärte sie. »Doch ich bin auf dem direkten Wege zum Hause und bitte Sie, sich nicht stören zu lassen.«
»Ganz und gar nicht,« versicherte Ruß. »Es ist ohnedem Zeit zur Ruhe, und meine Frau wird mir eine Gardinenpredigt halten wegen Nachtschwärmens.«
Dolores mußte bei dieser affektierten Pantoffelheldenerklärung lächeln, denn sie zweifelte, ob Frau Ruß die Courage zu einer ganzen Predigt finden würde. Sie traute der verschlossenen und von ihrem Gatten wohltrainierten Frau kaum das tadelnde Wort zu, das sie vielleicht erleichtert hätte, während sie ihre Mißbilligung in sich hineinwürgte und mit vermehrter Bitterkeit an ihrem Herzen nagen ließ.
Ruß erkundigte sich nun, wie es bei Schingas gewesen sei. Er hatte mit seiner Frau niemals in Arnsdorf Besuch gemacht, war daher auch nicht eingeladen worden, aber er und der Graf kannten sich vom Begegnen, und er hatte genug von der polnischen Wirtschaft bei demselben gehört, um Interesse für ihn zu haben. Dolores antwortete aber nur mit der allgemeinen Erklärung: »sehr nett,« und da sie gern eine Kritik des heutigen Abends vermeiden wollte, mit welcher Doktor Ruß am Ende an seinen Stiefsohn gegangen wäre, so ließ sie dies Thema schnell fallen und erzählte ihm, was sie bisher unterlassen hatte zu thun – nämlich die Entdeckung von der verstellbaren Kaminwand, welche ihr Zimmer mit dem Nordflügel verband.
»Ah,« meinte Ruß mit Interesse, »das würde ich an Ihrer Stelle ordentlich verschließen lassen, denn wenngleich ein Eindringen von dieser Seite wohl kaum zu fürchten ist, das Bewußtsein dieser Geheimverbindungen, wie unsere Vorfahren sie liebten, ist immerhin unbehaglich genug.«
Dolores erklärte nun, daß Ramo diesen sicheren Verschluß bereits besorgt und zum Überflusse noch auf der anderen Seite ein Fuchseisen gelegt habe.
»Nun, ich hab' es ja immer gesagt, dieser Ramo ist eine Perle,« rief Ruß scheinbar sehr amüsiert. »Da wäre es ihm ja ordentlich zu wünschen, daß sich der Fuchs in dieser unfreundlichen Falle finge. Freilich zweifle ich, daß es je einer versucht hat, bei Ihnen auf diesem Wege einzudringen.«
Jetzt erörterte Dolores auch die gefundenen Fußspuren, was Doktor Ruß entschieden ernst nahm, denn er versprach bei der Nachforschung zu helfen, auf welchem Wege wohl der Inhaber dieser Pedalabdrücke in den Nordflügel gekommen sein könnte. Und damit trennte sich Dolores von ihrem Gaste, der noch einen Moment draußen zögerte und dann bei seiner Frau eintrat, welche sich sogleich erhob und ihr Strickzeug zusammenrollte. Dabei warf sie einen scharfen Blick auf ihren Gatten, welcher mit unsicheren Händen Bücher zusammenraffte, welche den Tisch mit der Lampe darauf bedeckten.
»Ist dir schlecht, Ruß?« fragte sie. »Du bist so blaß.«
Er schüttelte den Kopf und begann leise eine Melodie zu pfeifen.