»Sei nicht böse,« flüsterte sie, »es war ja nur, weil ich eifersüchtig auf dich bin! Ich werde mir heut' Nacht noch die Augen ausweinen in dem Gedanken an die Gefahr, in der du geschwebt – und weil ich dich geärgert habe. Aber du darfst wirklich nicht böse sein!«
Er küßte ihr die kleine, rosige Hand und ging – schuldbewußt, elend und glücklich zugleich, denn er war sich einer Untreue gegen seine Verlobte bewußt, welche nur strengste Buße, absolutes, unbedingtes Entsagen zu sühnen vermochte vor dem Richterstuhl seines eigenen unbeugsamen, strengen Gewissens, das selbst seinen Schmerz um ein verscherztes Glück und seinen Unwillen gegen die Ungezogenheiten seiner Braut nicht freisprechen wollte. Und was er sich der Stimme seines Gewissens gegenüber heut' Abend gelobte, er wußte, er würde es halten, und er wußte, daß Dolores es achten würde.
Die herzogliche Familie schickte am selben Abend noch nach dem Falkenhof einen Boten, der sich nach dem Befinden der Baroneß erkundigen sollte und die Nachricht zurückbrachte, daß sie ruhig und fest schlafe.
Und in der That schlief Dolores ruhig und fest, erschöpft von ihrem Kampfe mit den schrecklichen Wassern, bewacht von der alten treuen Tereza, welche die Nacht nicht von dem Bette der Herrin wich. Diese aber träumte, sie flöge durch einen weiten, weiten Raum, unten aber stand Falkner mit ausgebreiteten Armen sie aufzufangen, doch ein Windstoß riß sie dahin, bis sie in den Wolken verschwand und nichts mehr sah. Plötzlich aber zerrissen die Wolken wie ein Vorhang, und einer Laterna magica gleich zog die Scene am Hexenloch noch einmal an ihr vorüber, nur anders in einzelnen Dingen, und wie sie das Wasser über sich zusammenschlagen sah auf dem Bilde in den Wolken, da wachte sie auf und wußte, sie hatte das schon einmal geträumt – –
Geträumt und erlebt?
Doch ihr Geist war allzu schlafbefangen, um darüber grübeln zu können, und als sie die Augen wieder schloß, glaubte sie es neben ihrem Bette rauschen zu hören wie von seidenen Kleidern, und als sie die Augen deshalb wieder mühsam öffnete, sah sie die Ahnfrau Dolorosa über sich gebeugt.
»Das war der zweite Traum, den ich dir gezeigt,« meinte sie es flüstern zu hören. »Denk' an die beiden anderen Traumbilder und hüte dich!«
Da fuhr sie hoch empor aus ihren Kissen – es war niemand zu sehen.
»Tereza, war jemand hier?« fragte sie die sich besorgt über sie beugende Dienerin.
»Verzeihe, Herrin – ich war eingeschlafen,« sagte diese, »da hat mir geträumt, es kam eine schöne, fremdartig gekleidete Dame herein und ging an dein Bett, und ich hörte sie mit dir flüstern. Und wenn es nicht ein Traum sein müßte, weil doch niemand hier ist, so würde ich schwören, ich hätte sie mit eigenen Augen gesehen!«