aber in dem von diesen unabhängigen Leben, im reinen Denken könnten vielleicht ganz abweichende Gesetze gültig sein, über die uns die Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." — „Die experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf die höheren Sphären geistiger Thätigkeit sich anwenden lässt". — Schon der Satz von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind, in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich nun aber um Gefühle, die zwar einander conträr aber gleichsam von derselbeu Qualität sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem gleichzeitigen Auftreten solcher conträren Gefühle geschieht, werden wir also auf ähnliche Verhältnisse, aus der Sphäre der Sinneswahrnehmungen recurriren müssen. Die Fälle, in welchen ein und derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden gefärbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu ergründenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prüfung wird uns das Verständniss des letzteren erschliessen. — Wenn das Licht zweier verschiedenen Gegenstände aus ein und derselben Richtung in unser Auge fallen soll, so müssen jene Gegenstände offenbar, wirklich oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein müssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der Glasplatte dagegen vollständig ignoriren, und wenn sie gefärbt ist, ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst durch eine willkürliche Richtung unserer Aufmerksamkeit können wir uns zwingen, die Oberfläche der Glasplatte zu beobachten; doch wird, wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrängen. Wenn wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf-
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merksamkeit gleichmässig stark von der Glasplatte und dem Objecte in Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthümliche Erscheinung. Legen wir nämlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensteröffnung plötzlich im lebhaftesten Glanze.
Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an Gegenständen experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberfläche reflectiren. Auch hier wird aus ein und derselben Richtung (also auf einen Punkt unserer Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in ähnlicher Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider Phänomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt folgendermaassen aus: „Ein Gegenstand spiegelt, dessen Oberfläche durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft, dass wir den spiegelnden Gegenstand selber über der Betrachtung der Spiegelbilder vernachlässigen, indem wir diese gewissermaassen als die direkt betrachteten Gegenstände ansehen. Zur reinen Spiegelung gehört daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes, dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene oder gleichförmig gekrümmte polirte Flächen sind daher am häufigsten spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprägte Farbe, so regt dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch höherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmässig über die Oberfläche vertheilt ist. Wir nennen einen
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Gegenstand glänzend, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen Spiegelbilder in's Auge zu fassen genöthigt sind, wenn wir also gleichzeitig verschiedene Gegenstände sehen, die hintereinander in verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich decken sollten. Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden über das andere das Uebergewicht erlange; werden die Spiegelbilder unmerklich, so hört natürlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung über. Wundt beweist ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen Einstellung der Augen für die scheinbar oder wirklich verschiedenen Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der Vorstellungsthätigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelöst und für sich vorgestellt werden; während wir die beiden Farben (des spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand. Der wesentliche Grund hierfür ist die Unmöglichkeit gleichzeitig zwei Dinge klar vorzustellen, die sich nicht in eine Vorstellung vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthätigkeit, die aber nach Klarheit strebt, wird deshalb in schneller Schwankung von dem spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum Gegenstand hinüberschweifen und darauf beruht das eigenthümliche Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brücke [1] besonders hervorgehoben (freilich aber in
[1] Brücke, die Physiologie der Farben für die Zwecke der Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228.
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etwas anderer Weise erklärt) wird. Auch die eigenthümliche Thatsache des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische Projection eines Prismas oder einer anderen Figur für das eine Auge mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, für das andere Auge mit schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung beider erscheint das Relief von graphitglänzenden Flächen begrenzt. Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen. Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund als die andere und drängt sie sich daher unserem Bewusstsein stärker auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefähr gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhöht. Man combinire z. B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so verdrängt leicht Blau das Gelb vollständig, macht man den Grund schwarz, so verdrängt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau, so erhält man einen lebhaften Glanz.