Biologische Station am Plöner See (Holstein).
Ende Juni 1891.

Dr. Otto Zacharias.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

I.

Allgemeine Biologie eines Süsswassersees. Von Prof. Dr. F. A. Forel in Morges (Schweiz).

Tiere und Pflanzen der Uferzone. — Die Flora und Fauna des Seegrundes. — Der „organische Filz“. — Aufzählung der Tiefenbewohner des Genfersees. — Die pelagischen Tier- und Pflanzenformen. — Mikroorganismen. — Die chemische Zusammensetzung des Wassers. — Übergang der organischen Materie von einem Lebewesen zum andern. — Betrag der jährlichen Abfuhr von organischen Stoffen aus dem Genfersee durch die Rhône. — Ersatzquellen für diesen Verlust. — Schlussfolgerungen

[1–26]

II.

Die Algen. Von Dr. W. Migula in Karlsruhe.

Einleitende Bemerkungen. — Fundstätten der Algen. — Das Vorkommen der verschiedenen Arten nach Jahreszeit und Wasserbeschaffenheit. — Orientierung über die 5 Hauptgruppen: 1. Spaltalgen (Schizophyceae), 2. Kieselalgen (Bacillariaceae oder Diatomaceae), 3. Grünalgen (Chlorophyceae), 4. Braunalgen (Melanophyceae), 5. Rotalgen (Rhodophyceae). — Kurze Charakteristik der den Algen nahestehenden Armleuchtergewächse (Characeae). — Torfmoose, Wasserfarne und Schachtelhalme

[27–64]

III.

Zur Biologie der phanerogamischen Süsswasserflora. Von Prof. Dr. Fr. Ludwig in Greiz.

Die allgemeinen Bedingungen des höheren Pflanzenlebens im Wasser. — Einzelne Beispiele von untergetauchten Wasserpflanzen: das gemeine Hornblatt (Ceratophyllum demersum), die Blasenpflanze (Aldrovandia vesiculosa), der Wasserschlauch (Utricularia vulgaris), die Sumpffeder (Hottonia palustris), das Tausendblatt (Myriophyllum), das Laichkraut (Potamogeton). — Schwimmgewächse: Wasserlinsen, Seerosen, die Wassernuss (Trapa), der Wasserknöterich (Polygonum). — Die Luftpflanzen unserer Gewässer: der Froschlöffel (Alisma Plantago), das Pfeilkraut (Sagittaria sagittifolia), die Schlangenwurz (Calla palustris), die Wasserschwertlilie (Iris Pseudacorus), die Rohrkolben (Typhaceae). — Die pflanzlichen Parasiten der Wassergewächse

[65–134]

IV.

Ein Wurzelfüsser des Süsswassers in Bau und Lebenserscheinungen. Von Prof. Dr. A. Gruber in Freiburg i. Br.

Charakteristik einiger Wurzelfüsser (Difflugia acuminata, D. spiralis, D. urceolata, Centropyxis aculeata, Hyalosphenia papilio, Arcella vulgaris, Cyphoderia ampulla, Quadrula symmetrica und Euglypha alveolata). — Ausführliche Schilderung der Euglypha. — Vermehrung derselben durch Teilung. — Beschreibung der dabei stattfindenden karyokinetischen Vorgänge. — Die Einkapselung (Encystierung) der Euglypha. — Der Kunsttrieb derselben und ihrer Verwandten. — Beweis für die Einheit der belebten Natur

[135–162]

V.

Die Flagellaten (Geisselträger). Von Dr. W. Migula in Karlsruhe.

Stellung dieser Organismengruppe auf der Grenze zwischen Tier und Pflanze. — Einzeln lebende und koloniebildende Flagellaten. — Bau und Entwickelungsgeschichte von Volvox aureus (Kugeltierchen). — Die Volvocineen-Gattungen Eudorina, Pandorina, Stephanosphaera und Gonium. — Euglena viridis.Anthophysa vegetans. — Die Dinobryen. — Die Gattung Ceratium

[163–183]

VI.

Die Süsswasserschwämme (Spongilliden). Von Dr. W. Weltner in Berlin.

Erkennen und Auffinden derselben. — Geschichtliches. — Äussere Beschaffenheit (Form, Grösse, Färbung, Konsistenz und Geruch) der Spongilliden. — Anatomie und Histiologie: das Skelett und der Weichkörper. — Physiologie: geschlechtliche und ungeschlechtliche Fortpflanzung, Atmung, Nahrungsaufnahme, Verdauung, Wachstum und Bewegung. — Kurze Schilderung der einheimischen Arten: Euspongilla lacustris, Spongilla fragilis, Trochospongilla erinaceus, Ephydatia Mülleri, Eph. fluviatilis, Eph. bohemica und Carterius Stepanowi. — Schlüssel zur Bestimmung der europäischen Formen. — Verbreitung der Süsswasserschwämme. — Parasiten und Kommensalen derselben. — Das Sammeln, Konservieren und Untersuchen der Spongilliden

[185–236]

VII.

Die Strudelwürmer (Turbellaria). Von Dr. O. Zacharias in Plön (Holstein).

Anatomische und histiologische Orientierung über die beiden Hauptgruppen der Süsswasserturbellarien: Rhabdocoela und Dendrocoela. — Das Genus Bothrioplana als Verbindungsglied zwischen diesen Gruppen. — Bothrioplana silesiaca. — Kurze Beschreibung einiger Rhabdocöliden-Spezies: Macrostoma viride, Microstoma lineare, Stenostoma leucops, Stenostoma unicolor, Catenula lemnae, Mesostoma viridatum und Vortex truncatus. — Präparationsmethode. — Geographische Verbreitung

[237–274]

VIII.

Die Rädertiere (Rotatoria). Von Dr. L. H. Plate in Marburg.

Fundstätten für Rädertiere. — Eingehende anatomische Analyse des Krystallfischchens (Hydatina senta). — Vergleichende Schilderung der Morphologie der Rotatorien: die Körpergestalt, die Körperhaut, der Räderapparat, die Muskulatur, das Nervensystem, der Verdauungskanal, die Exkretionsorgane, die Klebdrüsen, der Keimdotterstock und die Eibildung. — Die männlichen Rotatorien. — Einige Bemerkungen über die Biologie der Rädertiere. — Überblick über das System der Rotatorien

[275–322]

IX.

Die Krebsfauna unserer Gewässer. Von Dr. J. Vosseler in Tübingen.

Überblick über das System der Krustaceen. — Die Entomostraken: a) Freilebende Copepoden. — Kurzer geschichtlicher Rückblick. — Körperform und Gliedmassen. — Histologie der Haut und die Häutung. — Nervensystem und Sinnesorgane. — Verdauungskanal. — Leber und Niere. — Blut und Blutkreislauf. — Atmung. — Muskulatur. — Fortpflanzungsorgane und geschlechtlicher Dimorphismus. — Embryonale und postembryonale Entwickelung. — Gattungen und Arten. — Biologische Bemerkungen: Die Nahrung und deren Aufnahme. — Feinde. — Fundstellen. — Verbreitung in horizontaler und vertikaler Richtung. — Anpassung an die Verhältnisse der Ufer-, pelagischen und Tiefenregion unserer Seen. — Passive Wanderung. — Entstehung der Tiefenfauna. — b) Parasitische Copepoden. — Die durch den Parasitismus bedingten Veränderungen in der Körperform und Umbildung der Gliedmassen. — Innere Organisation: Nervensystem und Sinnesorgane, Herz, Darm und Geschlechtsorgane. — Zwergmännchen. — Vorkommen. — Gattungen und Arten. — c) Kiemenschwänze: Beschreibung des Argulus. — Schaden und Nutzen der Entomostraken. — d) Phyllopoden, Cladocera: Gestaltung des Körpers und der Gliedmassen. — Anatomie der Eingeweide, Geschlechtsorgane und des Nervensystems. — Eier (Dauereier) und Entwickelung. — Gattungen und Arten. — e) Branchiopoda: Beschreibung des Apus und Branchipus und deren Lebensweise. — f) Ostracoden: Schale und Gliedmassen. — Anatomie. — Fortpflanzung. — Lebensweise. — g) Malacostraken. Isopoden: Körperform und Gliedmassen von Asellus. — Darm und Kaumagen. — Leber. — Herz. — Kiemen. — Nervensystem und Sinnesorgane. — Brutraum. — Auf dem Lande lebende Asseln. — h) Amphipoden: Gliederung und Form des Körpers. — Gliedmassen mit Kiemenanhängen. — Darm mit Leber. — Nervensystem. — Herz und Gefässe. — Fortpflanzung. — Vorkommen. — i) Decapoden: Morphologie des Körpers und der Gliedmassen von Astacus. — Äussere Kennzeichen der Geschlechter. — Nervensystem und Sinnesorgane. — Ohr. — Häutung. — Herz und Blutgefässe. — Kiemen. — Verdauungskanal mit Kaumagen, Kalkansammlungen und Leber. — Geschlechtsorgane und Fortpflanzung. — Einige biologische Bemerkungen über Nahrung und Wiederergänzung verloren gegangener Gliedmassen

[323–380]

Allgemeine
Biologie eines Süsswassersees.

Von Prof. Dr. F. A. Forel in Morges, Schweiz.

Ein See ist ein Mikrokosmus, eine Welt, die sich selbst genügt, in welcher das Lebensspiel der verschiedenen Organismen sich hinreichend im Gleichgewicht hält, um ein stabiles Verhältnis zwischen den ausgeschiedenen und nutzbar gemachten Stoffen zu bilden, ohne dass die Zusammensetzung des Mediums durch die in ihm wohnenden Wesen eine Veränderung erlitte. Tiere und Pflanzen, höhere und niedere Organismen, leben da gleichzeitig mit einander, jedes nach seiner Art, und gemäss den ihm eigentümlichen Funktionen; jedes findet in dem Medium, von dem es umgeben ist, die zur Lebensfristung notwendigen Elemente, und jede Gruppe von Wesen vervielfältigt sich in Individuen, die um so zahlreicher sind, in je grösserer Fülle die ihr unentbehrlichen Elemente vorhanden sind.

Auf der andern Seite ist ein Süsswassersee kein ganz geschlossenes Bassin, kein verschlossenes Gefäss. Vielmehr steht er in Verbindung mit der übrigen Welt, sei es durch die atmosphärische Luft, welche einen unaufhörlichen Austausch von Gasen mit ihm unterhält, sei es durch seinen Abfluss, der ihm Wasser mit Substanzen in gelöstem und ungelöstem Zustand entführt, sei es durch seine Zuflüsse, die ihm neue Stoffe zuleiten. Er nimmt also an dem grossen Kreislauf der Materie teil, der zwischen den verschiedenen Regionen des Erdkörpers besteht, ebensogut in der organischen, wie in der anorganischen Welt. Zugang und Verlust von Stoffen modifizieren die biologischen Verhältnisse des Mikrokosmus; sie müssen konstatiert und ergründet werden, wenn man das Spiel des Lebens in einer so abgegrenzten Welt verstehen, wenn man den Kreislauf der Materie innerhalb der beschränkten Reihe von Wesen, die den See bevölkern, bestimmen will.

Unter diesem doppelten Gesichtspunkt betrachten wir einen Süsswassersee. Die vorliegende Studie soll als Einleitung in die Fragen der allgemeinen und speziellen Biologie dienen, welche man in den ferneren Abteilungen dieses Buches ausgeführt findet.

In erster Linie ist ein See ein beschränkter Raum, in welchem die Lebewesen in angemessenen Proportionen sich entwickeln, derart, dass ihre Ernährungsfunktionen in einer stabilen Weise im Gleichgewicht bleiben. Während das Spiel des animalischen Lebens zuletzt zur Oxydation der organischen Stoffe führt, welche zeitweilig in die Körper der Tiere behufs Ernährung ihrer Gewebe eindringen, wird die Kohlensäure reduziert durch das Spiel des vegetabilischen Lebens infolge der dabei vorherrschenden Funktionen des Chlorophylls und gleichartiger Substanzen, und sie wird in Stoffe verwandelt, die den animalischen Organismen assimilierbar sind. Das Tier scheidet Kohlenwasserstoffverbindungen und Stickstoff aus, nach dem Stande der maximalen Oxydation und unter einer Form, welche es ihnen erlaubt, sich in der sie umgebenden Flüssigkeit aufzulösen (Kohlensäure, Harnstoff, gallenartige Substanzen etc.). Die Pflanze absorbiert diese durch das Tier ausgeschiedenen Stoffe und eignet sie sich unter der Form des Protoplasmas und der Kohlenwasserstoffverbindungen an. Die Pflanze nährt sich also von den durch das animalische Leben aufgelösten Stoffen ihrer Umgebung; das Tier hingegen von den Stoffen, die sich in den Geweben der Vegetabilien bilden.