Bei aller Religions- und Glaubens-Freiheit sieht es doch der Brodherr gern, wenn seine Arbeiter mit ihm gleiche Gottesverehrung ausüben, weshalb mein Neffe unter die Chorsänger einer frommen Gemeinde, welcher sein Meister huldigte, aufgenommen worden war und Sonntags drei Mal zum Lobe des Herrn seine Stimme erschallen lassen mußte. Unser Landsmann R. hatte sich dagegen auf die Seite der Vernunftsgläubigen geneigt und abwechselnd das Herumtragen des Klingelbeutels mit übernommen.
Diese Sekte, welche zur Zeit den berüchtigten Dr. Frösch an der Spitze hatte, welcher keine Grenzen in seinen Religions-Vorträgen kannte, aber, zum Lobe sey es gesagt, von vielen seiner frühern Anhänger deshalb verlassen worden war, hatte, wie ich schon berührt, eine förmliche Umwandlung mit den Grundpfeilern der christlichen Glaubenslehre vorgenommen, die Bibel und die Auslegung der Evangelisten nach vernünftigen, den Menschen Heil bringenden, Grundsätzen aus der Kirche verbannt, und zum Gegenstand seines Vortrags entweder nur solche Stellen der heiligen Schrift gewählt, welche zu den forschbaren Wahrheiten gehören, z. B. Untersuchungen der evangelischen Nachrichten über die Himmelfahrt Jesu, dann die Ungereimtheiten und Widersprüche in den evangelischen Nachrichten über Jesu, u. s. w., oder weltliche Begebenheiten, wie: die Kreuzzüge, die Bartholomäus-Nacht, die Jungfrau von Orleans, zu seinem Zweck bearbeitet, wobei nie unterlassen wurde, den Staatsbürger, (da der Ausdruck Unterthan ihm zu verhaßt ist) gegen seine Vorgesetzten aufzuhetzen, und wobei er es hauptsächlich auf die Europäischen Regenten und die Geistlichkeit abgesehen hatte und darauf Bezug habende Themata z. B. Wer ist ein wahrer Republikaner? Grundsätze, nicht Personen sollen den Menschen regieren! zu seinem Kanzelvortrage machte.
Der Gesang hat ebenfalls der Musik Platz machen müssen, doch erwarte man keine wie bei uns gebräuchliche altmodische Kirchenmusik, das wäre wider die Vernunft, wie sie sagen, sondern dem Geist der Gemeinde angemessene Ouverturen und beliebte Theaterstücke werden aufgeführt und mitunter auch, wenn der Redner seine Zuhörer überzeugt zu haben glaubt, daß des Menschen Bestimmung auf dieser Welt nur die sey, sich des Lebens zu freuen und angenehm zu machen, die heilige Andacht mit einem Schottischen oder sonstigen Galopp schließt.
Dem denkenden Beobachter bleibt hier die Frage zu beantworten übrig, was wohl für den Menschen besser sey, vorwärts zu streben nach unheilbringender Aufklärung, oder rückwärts ins dunkle Pfaffenthum zu gehen. Ich glaube, daß der Mittelweg, wie er bei uns betreten wird, der beste ist.
Doch nicht allein der Mann fühlt sich in Amerika berufen, zum Seelenheil seiner Nebenmenschen beizutragen, sondern auch das schöne Geschlecht glaubt dazu auserwählt zu seyn, und diese Frommen, welchen vorzüglich ein gutes Mundwerk nicht abzusprechen ist, erzählen der um sich versammelten Menge in einer Viertelstunde mehr aus dem Stegreif, als einem alten Geistlichen möglich ist, in zwei Stunden seiner Gemeinde vorzutragen.
Besonders amüsirte mich ein Fischerweib, welches an Tagen des Herrn vom Kahne aus mit heiligem Feuereifer den nahen Untergang der Welt und die ewige Verdammniß dem sündhaften Menschen verkündigte und ihre Stimme um so ärger erhob, je weniger Zuhörer sie hatte, um dadurch die Vorübergehenden zum Stillstand zu bewegen. Während des ewigen Kommens und Gehens der Menschen, von welchen die Reuigen weinten, die Gottlosen lachten, rauften und schlugen sich zügellose Buben, doch ohne dadurch die Prophetin irre zu machen. Als aber beim Apportiren der Hunde ins Wasser die ausgeworfenen Ballen in den Kahn geschleudert wurden und die wilden Bestien der Geist nicht abzuhalten vermochte und solche unter den Beinen der frommen Rednerin herumspionirten, da war es aus mit der Langmuth Gottes und das Zetergeschrei des Weibes verkündigte noch in dieser Stunde das Strafgericht des Herrn, weshalb ich mich zurückzog und ins Tagebuch notirte, was ich so eben gesehen und gehört hatte.
Fünfundvierzigster Brief.
Fortsetzung.