Nachdem eins der Boote sich uns genähert, wurde ihm ein Seil zugeworfen, an welchem einer der sechs Männer, die es barg, das Schiff zu erklettern suchte. Alles drängte sich neugierig zu, um den ersten unerschrockenen Menschen der neuen Welt zu sehen, welcher sich nicht scheute, auf einem Fahrzeuge gleich einer Nußschale bei Sturm und Gewitter den Meereswellen zu trotzen, den Reisenden weit in die See entgegen zu schwimmen, um das Schiff, da er vertraut mit Untiefen und Klippen ist, in sichern Hafen zu geleiten.
Der Lootse übernahm nun die Leitung des Schiffs und den Befehl über die Matrosen, sprach wenig mit dem sich zurückziehenden Kapitän, placirte sich nicht weit vom Steuer auf die Blanke des Schiffs und warf von Zeit zu Zeit das Senkblei aus. Bei schwachem Wind fuhren wir nur langsam in die Bai von New-York zwischen long Island und staten Island ein, und warfen vor der Quarantaine-Anstalt Anker.[29]
Zwölfter Brief.
New-York im August 1839.
Ausschiffung.
Wie bei Entlassung eines Inhaftirten das Geräusch der ihm abnehmenden Ketten, demselben ein noch nie vernommener Wohlklang ist und sich noch im Kerker frei und glücklich fühlt, eben so hocherfreut waren Alle, als die schweren Ketten die Anker rasselnd in den Meeresgrund hinabließen, und wir uns, geborgen vor Sturm und Wellen, dem nahen Ufer gegenüber befanden. Brennend vor Verlangen, die feste Erde wieder zu betreten und an frischem Brod und Wasser uns zu laben, wünschten wir nach Abgang des Kapitäns selbst ans Ufer zu fahren, wovon wir aber mit dem Bescheid zurückgehalten wurden, daß Niemand das Schiff verlassen dürfe, bevor der Quarantaine-Arzt den Gesundheitszustand der Passagiere untersucht und durch Nachzählen der Personen ermittelt sei, ob die Anzahl derselben mit der Größe des Schiffes nach der Tonnenzahl[30] im Einklang stände.
Bald darauf kamen in einer mit der großen amerikanischen Flagge geschmückten Gondel zwei Herren an, wovon der Eine sich als Arzt, der Andere als Gerichtsperson ausgab. Die Sache selbst aber, warum sie erschienen, war von ihnen nur oberflächlich behandelt. Die sich ins Zwischendeck zurückgezogenen Passagiere wurden während des Hinaufsteigens gezählt und nach der Kajüten-Seite zu verwiesen, weshalb sich leicht und unbemerkt aus dem Zwischendeck durch die Vorkajüte und beim Ersteigen der Kajüten-Treppe überzählige Personen, wenn sich solche am Bord befanden, wieder mit den gezählten vermischen konnten. Eben so schnell wurden die Schlafstellen selbst untersucht, und das Nichtauffinden Versteckter außer Zweifel gestellt.
Keiner wollte ins Spital wandern und Krankheits halber zurückbleiben. Alles hatte die Lager geräumt und den Ausschlag möglichst zu verbergen gesucht. Mit klopfenden Herzen harrten solche unreine Passagiere des Weitern, als der Befehl erging, uns en fronte aufzustellen. „Rechts um, Marsch!“ wurde kommandirt und im Gänseschritt mußten wir vor dem Arzt vorbeidefiliren, wobei Jeder die Zunge möglichst lang hervorstrecken mußte, um den darauf sitzenden Krankheitsstoff erkennen zu können. Demnach waren binnen fünf Minuten 208 Passagiere als gesund erkannt und als tüchtig zum Eintritt in die vereinigten Staaten befunden worden.
Um uns lagen Schiffe von verschiedenen Nationen vor Anker, unter welchen man an der aufgehängten Wäsche auf den Segelleinen die erkannte, welche mit Auswanderern befrachtet waren.