Die Abendmahlzeit mundete den Ausgehungerten trefflich, und man war nicht wenig erstaunt über die reichbesetzte Tafel, auf der auch die Suppe, welche sonst in Amerika nicht gebräuchlich ist, nicht fehlte. Der dabei gereichte Thee mit üblichem Gebäck ließ vollends den an frugale Kost gewöhnten Deutschen nichts zu wünschen übrig, und alles Andere vergessend, suchten wir heute frühzeitig das Lager, um nach langen Strapazen auf festem Boden uns von Neuem zu erholen.

Auch das Frühstück war uns neu; zu dem Kaffee gab es, gleich wie am Abend, gebratene Fische und Fleisch, Eier, Backwerk, süß und sauer Eingemachtes; auch Butter und Käse fehlte nicht.

Nach dem Mittagsmahl, welches zugleich als Probe diente, ward festgestellt, was die Person täglich zahlen solle; dies betrug für Kost und Logis fünf Schilling, welche Summe zahlreichen Familien auf die Länge der Zeit zu geben nicht möglich war. Es aßen daher, um das Mittagessen zu ersparen, die ersten Tage Viele nur Morgens und Abends, doch half das Hungern nichts, denn das Versäumte mußte mit bezahlt werden, da für Alle gedeckt und es ihre eigene Schuld war, gefastet zu haben. Alles Sträuben half nichts, denn der Wirth war im Besitz ihrer Effekten und ließ solche nur nach berichtigter Zahlung erst verabfolgen.

Bald zerstreute sich Alles, Arbeit suchend, in die Stadt, welche Erstere aber nirgends zu finden war, da vor Allem die englische Sprache mangelte. Selbst die Unterhändler, woran es nicht fehlt, sich aber den Dienst theuer bezahlen lassen, bringen nur selten Einen unter, und ist letzteres der Fall, dann gewiß an einem Orte, wo kein Eingeborner arbeiten will, oder das Geschäft selbst nur von kurzer Dauer ist.

Auch unser Landsmann, der Schuhmacher F. mit Empfehlungsschreiben versehen, sah sich schrecklich betrogen, da der vermeinte Fabrikherr, an welchen er vom Hause aus empfohlen, nichts weiter als ein Kommissionär[33] war, welcher gegen Zahlung den Namen des Suchenden notirte und die Weisung ertheilte, später wieder nachzufragen. Was sollte er nun anfangen? Womit sich und Familie ernähren? Da er auch nicht sofort auf sein Geschäft Arbeit erhielt[34], so blieb ihm und seinem alten Vater nichts weiter übrig, als beim Ein- und Auspacken der Schiffe Arbeit zu suchen, bis sich sein Loos vielleicht in der Folge besser gestalte.

Gleiches Schicksal traf einen Kajüten-Passagier unseres Schiffes, welcher als Architekt ebenfalls an obigen Herrn adressirt war. Schon auf der Seereise, wo bei Gefahren die Herzen sich nähern und öffnen, erfuhr Mstr. F., daß eine Bestimmung sie in New-York näher zusammenführe, und schon sahen sie im Geiste das weitverzweigte Geschäft, welches Schuhmacher und Architekten zu beschäftigen vermöge. Vereint gingen sie ihrem Ziele zu, doch Letzterer erfuhr nun auch, was Ersterem schon begegnet war. Auch er sah sich in seinen Plänen betrogen und wußte verzweiflungsvoll nicht, was er von Neuem wählen sollte. Der schweren Arbeit ungewohnt, blieb ihm dennoch nichts übrig, als Hacke und Schaufel zu ergreifen[35].

Am dritten Tage unseres Hierseins kam endlich das so lange in der Quarantaine gelegene Seeschiff, welches unsere übrigen Sachen enthielt, im Hafen an, wo ebenfalls jede Kiste von den Zolloffizianten untersucht ward, und man strenger als in der Quarantaine-Anstalt damit verfuhr.

Nun im Besitz unserer Effekten, verließen mehre Familien sogleich das Kosthaus, in der Absicht, entweder die Reise weiter fortzusetzen oder Privatwohnungen zu beziehen.

Beim Bezahlen der Zeche gab ein Baier Gold, und erhielt das Zuviel in Papiergeld zurück, welches aber bei der Wiederausgabe als falsch erkannt und nicht angenommen wurde. Der Wirth, von welchem er solches erhalten, leugnete dieses, und verlangte den Beweis darüber, welchen der Betrogene nicht geben konnte, da beim Wechseln außer seinen zwei jüngsten Kindern Niemand zugegen gewesen war. Der Arme fluchte, tobte und verwünschte das Land, wo die Schurkerei zu Hause sey. Doch Alles half nichts. Der Wirth blieb bei seiner Aussage und war frech genug, Ersteren mit dem Haushinauswerfen zu drohen, wenn er nicht bald ruhig sey. Diesen Streit hörte einer der vermeinten Freunde, welche uns bei der Ankunft am Ufer so herzlich empfingen, ruhig mit an, und schlug sich jetzt ins Mittel, indem er die falschen Noten für einen Dritttheil ihres aufgemerkten Werthes ankaufte; doch nicht um solche zu vernichten und so für die Folge unschädlich zu machen? Nein! Sicher wurden sie im Taschenbuch verwahrt, um einen neu ankommenden Landsmann damit zu beglücken. „O, die Schurken!“

Doch auch die Wirthe werden mitunter betrogen, da Viele bei der Ankunft nichts Baares mehr haben, und außer dem, was sie am Leibe tragen, keine Garderobe weiter besitzen. Doch schlau genug wissen sie solches zu verbergen, so daß der Wirth glauben muß, ein Theil der Effekten, welche sie für Andere vom Schiff mit ins Kosthaus tragen, sey ihr Eigenthum, und als Unterpfand gewiß; doch bevor noch der rechte Eigenthümer sich zu erkennen giebt, sind die Erstern verschwunden.