Zu Neustadt, am Rübenberg, wo am Abend ausgespannt wurde, erfuhr ich vom Wirth, daß heute sechs Wagen mit Auswanderern den Ort passirt hätten, und daß nach der Zahl derselben zu schließen, welche in letzter Zeit hier durchgereist wären, Bremen ziemlich angefüllt seyn müßte, so daß schwerlich bei dem täglichen Zudrang von Menschen, die nöthigen Transportschiffe vorhanden seyn könnten.
Jetzt vermuthete ich selbst, daß die uns begegneten Auswanderer, welche wieder der Heimath zugeeilt waren, nicht ganz Unrecht haben dürften, und brachte daher bei meiner Reisegesellschaft in Vorschlag, daß ich diese Nacht mit der durchfahrenden Post auf gemeinschaftliche Kosten nach Bremen vorausfahren, um vielleicht noch mit den am 15. dieses Monats absegelnden Schiffen akkordiren zu können. Der Vorschlag wurde angenommen und um Mitternacht bestieg ich den nur mit einem Passagier besetzten Postwagen, welcher schlaftrunken mich in dem blauen Ueberhemde für einen schlichten Bauersmann halten mochte und so brummend in der Wagenecke liegen blieb. Der Gott des Schlafes schloß auch meine Augen bald, und schon blickte die Morgensonne zum Wagenfenster freundlich herein, als mich der Hunger weckte, da ich Abends vorher nichts genossen hatte. Eben im Begriff, aus der Jagdtasche etwas heraus zu langen, hielt der Wagen an der neuen Station an, wo beim Oeffnen des Schlages auch mein Begleiter erwachte und von dem Marqueur dienstfertig aus dem Wagen gehoben wurde, welche Ehre mir aber, in dem man keinen respektablen Gast vermuthete, nicht zu Theil wurde. Beim Kaffeetrinken wünschte der Fremde meine Bekanntschaft zu machen und fragte daher: „Wie weit die Reise, Landsmann!“ Nach Amerika! gab ich kurz zur Antwort. „Auf der Post, erwiederte er spottend?“ Ja, wenn es seyn könnte, entgegnete ich; nur müßte ich dabei wünschen, die Reise nicht in Ihrer Gesellschaft machen zu müssen. „Und warum?“ fragte er, über meine Antwort verwundert; da ich auf der Reise gerne spreche, gern etwas erzählen höre und vor Allem das Schnarchen nicht vertragen kann. „Ich habe Sie, wie es scheint, verkannt!“ sprach er forschend, „und hoffentlich werden wir jetzt die Reise um so angenehmer fortsetzen.“ Er ging hinaus und bald ward von dem Marqueur eine Flasche Wein vor mich auf den Tisch gesetzt. Sie sind im Irrthum Freund! bedeutete ich Letztern, ich habe keinen Wein bestellt. Das glaube ich wohl, versetzte er lächelnd, doch in dem Augenblicke, ehe er weiter sprechen konnte, trat der Fremde ein, schenkte die Gläser voll und sagte: wir wollen ein Glas Wein zusammen trinken, damit der Schlaf verscheucht werde. Geschwind! denn der Wagen ist schon angespannt und der Schwager wird sogleich zum Abgang blasen. Eben wollte ich meine Bemerkung machen, daß ich ein schlechter Trinker sey und vor Allem für Spirituosen mich hüten müsse und dergl., als das Horn erschallt und uns kaum Zeit blieb, auf eine glückliche Reise die Gläser zu leeren, worauf in den Wagen gestiegen wurde.
Mein Reisegefährte war Hannöverscher Staatsdiener und Sohn eines Kaufmannes; hatte die Feldzüge vom Jahr 1813 mitgemacht, wußte viel und gut zu erzählen, und war mit einem Worte ein höchst interessanter Gesellschafter. Auch ich ermangelte nicht, aus meinem Jugendleben so manches aufzutischen, was ihm gefiel, und so im Gespräch vertieft, wurden weniger die Wagenstöße verspürt, welche die gepflasterte Chaussee verursachte. Bald verrieth die mehr und mehr zunehmende Menge der nach der Stadt fahrenden Bauersleute, daß Bremen nicht mehr fern seyn könnte, und von meinem Begleiter aufmerksam gemacht, sah ich die vom Sonnenstrahl vergoldeten Thurmspitzen Bremens, aber wie lange dauerte jedoch noch der Weg, bevor die Stadt selbst erreicht wurde. Endlich am 9. d. M. Mittags 11 Uhr hielt der Wagen vor dem Posthause zu Bremen.
Vierter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Aufenthalt in Bremen und Bremerhaven.
Wohl eine Stunde irrte ich durch die mit Menschen und Wagen gefüllten Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, wo unsere Fuhrleute ausspannen wollten, damit ich mit dem Wirth über das Unterkommen der ganzen Gesellschaft akkordiren könnte. Niemand wollte das betreffende Gasthaus in der Altstadt kennen, bis endlich ein Helfershelfer der Herren Wirthe sich erbot, mir den Weg zu zeigen[6]. Derselbe brachte mich in ein Haus, welches zwar das rechte Schild, der Wirth aber einen anderen, als den von unsern Fuhrleuten angegebenen Namen führte. Letzterer erbot sich sogleich, uns sämmtlich gegen ein Billiges aufzunehmen[7], weil, wie er versicherte, sein Hôtel nur für Auswanderer eingerichtet sey, und obschon einige Vierzig bereits bei ihm logirten, so würden wir doch noch Alle Platz finden. Dabei ermangelte er nicht, weidlich auf seine Herren Kollegen loszuziehen und solche als Preller darzustellen, denen es nur darum zu thun sey, die mit den Verhältnissen der Stadt nicht vertrauten Auswanderer möglichst zu bevortheilen. Während des Gesprächs wurde mir fleißig zugetrunken, dabei der äußerst billige Wein gerühmt, und als Probe der hier gebräuchlichen guten Kost eine Mahlzeit vorgesetzt, ohne dafür Zahlung anzunehmen. Alles nur, um zu zeigen, wie gut ein Jeder in dieser Herberge aufgehoben sey. Auf mein Bemerken, daß ich wenigstens da, wo die Fuhrleute ausspannen würden, hinterlassen müsse, in welchem Gasthofe man mich auffinden könne, erbot sich der gefällige Wirth, mich in eigener Person zu geleiten, da ich es ablehnte, seinen Hausknecht mit meinem Auftrage dahin abzuschicken, und stellte unterwegs noch billigere Bedingungen, als wie sie schon vorher gemacht worden waren.