Sechsunddreißigster Brief.

Aufenthalt in Philadelphia.

Im August 1840.[53].

Hier, wo ich mich nicht lange aufzuhalten beabsichtigte, durfte keine Zeit verloren gehen, um alles Merkwürdige in dieser Stadt zu besehen. Es wurden daher von mir am ersten Vormittag schon alle Aufträge besorgt und unter andern die vermeinte reiche Tante aufgesucht, in welcher Person ich aber, nach ihrem eigenen Geständniß, eine mit ihren Verhältnissen zwar zufriedene aber nichts weniger als wohlhabende Frau zu finden, die Ehre hatte. Herr Sontag von Erfurt, welchen ich ebenfalls besuchte, war zur Zeit außer Kondition und beabsichtigte in den südlichen Staaten ein Engagement als Kunstgärtner zu suchen.

In einem mir als billig empfohlenen Hôtel, welchen Charakter sich dieses Kosthaus beigelegt hatte, traf ich mehre, erst seit Kurzem angekommene Landsleute, unter andern den Oekonomen S., welcher verstimmt über fehlgeschlagene Pläne, nutzlos hier die Zeit verlebte und sich den Transport der Sachen zu erleichtern suchte! Mit einem Kollegen aus Bornheim bei Frankfurt wurde gleich nach gehaltenem Mittagsmahl die Wanderung durch die Stadt angetreten und das Forschen während meines viertägigen Aufenthaltes fortgesetzt. Was ich nun hier gesehen und gehört, will ich in Nachfolgendem zu schildern suchen.

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Philadelphia, mit 200,000 Einwohnern, worunter 30,000 Deutsche seyn sollen, ist die größte Stadt im Staate Pennsylvanien und nach New-York die größte in den Vereinigten Staaten. Sie liegt zwischen dem Delaware- und Schuylkill-Fluß, über welchen Letztern sie hinaus geht und durch zwei Brücken mit diesem Stadttheil verbunden wird. Ihr Seehandel ist im Verhältniß zu Baltimore und New-York wenig von Bedeutung, ebenso sind hier nur wenige Fabrikanstalten etablirt. Das Drängen und Treiben der schaffenden Menge, wie dieses den ankommenden Fremden in erstern Städten überrascht, fehlt hier ganz, und läßt sogleich vermuthen, daß Philadelphia der Wohnsitz reicher Kapitalisten seyn muß, welche ihre Gelder weniger im merkantilischen Geschäfte zu vergrößern suchen, sondern es mehr durch Bank-Spekulationen oder durch Ankauf und Verkauf von Ländereien zu vermehren trachten, welches Letztere in Amerika einen Handelsartikel ausmacht, für den sich Geld-Spekulanten am mehrsten interessiren.