Und so sind auch Sie, ein geborner Preuße, ein Gegner Ihrer Regierung? fragte der Geheimrath.
Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach längerer Abwesenheit in mein Vaterland zurückkehrte, mich geborgen gefühlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen, die eine herrliche Basis für die demokratische und constitutionelle Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die Städteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben des Volkes gedrungen ist, daß keine Gewalt sie vernichten könnte. Aber daß sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, daß man sich einbildet, stillstehen zu können und zu dürfen; das ist es, was ich tadle und wogegen wir kämpfen müssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhängige Mann. Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fühlte ich keine Neigung, weil man sie, glücklichsten Falls, doch oft erst erreicht, wenn man müde vom Wege und Kampfe ist; – um den unbedeutenden Gelderwerb war es mir in meinen Verhältnissen nicht zu thun, und ich dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der große Güterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschluß, der mich keinen Augenblick gereut hat.
Wenn aber alle guten Köpfe so dächten wie Sie, Herr Thalberg, und sich im Unmuth zurückziehen wollten, so würde diese Art von Patriotismus der guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre Neigung opfern müßten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.
Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfällige Staatsmaschine hat an einem Hügel, der ihr ein gewaltiges Hinderniß ist, Halt gemacht und kann nicht vorwärts. Sie mit Gewalt darüber fortzuziehen, wäre Thorheit – aber wir tragen den Hügel ab, sodaß sie leicht darüber fortrollen kann. Ich ehre unser Königshaus und vor Allem den redlichen, durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Königs; ich glaube, er hat die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; – aber er hält die Zeit noch nicht geeignet zu ihrer Ausführung, das Volk nicht reif dazu. Eine Revolution, die immer demoralisirend wirkt, würde Viel, wenn nicht Alles verderben; darum muß man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizuführen und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur möglich wird, ihm die verheißenen Freiheiten zu gewähren, sondern unmöglich, sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den Gewerbtreibenden, muß und wird die neue Zeit beginnen – nicht von der Aristokratie oder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntniß und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und sicher zum Ziele führen, da wir nicht zerstören wollen, um neu zu bauen – sondern nur schon Vorhandenes, Gegründetes ausbauen, nach den Bedürfnissen unserer Zeit.
So bewegte sich das Gespräch eine Weile fort. Die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig Theil daran; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, daß Clementine stiller als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete Clementine, daß ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und bat, man möge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische erhob: Aber sage mir in aller Welt, liebste Clementine! was hast Du heute? Herr Thalberg muß glauben, Du habest das Sprechen verschworen – oder wärest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt.
Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weißt ja, daß ich manchmal meine stillen Tage habe, und außerdem war mir die Unterhaltung so interessant, daß ich lieber hören als sprechen mochte und gern noch länger zugehört hätte.
Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.
Im Gegentheil, gnädige Frau! ich würde es mit Freuden annehmen, wenn ich nicht fürchten darf zu stören....
Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir bewohnen wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich freuen, Sie dort zu sehen.
Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining ließ es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die Einladung für morgen zurück – dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, daß Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, daß sie ihn, außer morgen Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschäftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen, die Meining angenehm sein konnten, und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig über sie machte.