Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren Sie nicht? fragte der Obrist.

Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, die ich so augenblicklich nicht durchdenken kann – es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen Brüder, Väter oder Mann, das scheint mir ein so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und unauflöslich ist.

Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden läßt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hölle machten und ein Glück untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei Menschen erblühen könnte?

Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das weiß ich bestimmt, daß ich lieber sterben möchte, als mein Wort brechen, und daß ich die Möglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne, durchaus nicht begreife.

Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining küßte sie, trotz der Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft sich bald trennte.

Zehntes Kapitel.

Thalberg war allmälig ein täglicher Gast im Meining'schen Hause geworden, da der Geheimrath ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm einen Grund bot, seine Besuche zu wiederholen. Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den er immer auf sie geübt, kämpfte unaufhörlich gegen eine Liebe, die nie in ihr erloschen und in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je, erwacht war. So waren etwa 14 Tage vergangen, als Robert seinem Freunde folgenden Brief schrieb.

Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

d. 18. Dezember.

Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne daß bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt; meine Anordnungen für die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen. Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe ihm heute die nöthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, daß ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde, und daß er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde hersenden möge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen würde.