Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.
Den 29. Dezember.
Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwürfe vergebe ich Dir, weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens erwähnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt fühle ich es mehr als je, daß nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Caroline fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der entzückte, stürmische Beifall des Publikums sie über sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz der Orsina durchtoben, selbst zu fühlen schien und nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest und groß, mitten in einer untergehenden Welt, erschien sie mir so gewaltig, daß es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in ihr, was ich erwartet hatte, einen großen Charakter, ein glühendes Herz, versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzückens hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flößte sie nicht ein. Ich war eitel darauf, sie zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen und ihr kühnes Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthümliches Glück empfunden. Es liegt ein großer Reiz in der Hingebung einer Frau, die der Bühne, der Welt angehört; sie regte meine Phantasie mächtig an, meine Sinne waren in dem höchsten Aufruhr, ich war außer mir. Ich hätte sie und den Grafen ermorden können, als sie mit ihm entfloh – ich hätte mit ihr die Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mögen; aber nie ist es mir eingefallen, niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie Clementine mir ewig vor Augen steht. Wäre Caroline mir treu gewesen, ich hätte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht, sie hätte mich fortgerissen. An ihr unstätes Leben gekettet, hätte ich mich über mich selbst, über sie, über Alles noch lange, wer weiß, ob nicht fast für immer getäuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer widerstand. Nun aber! Hättest Du Clementine, die schöne Geliebte meiner ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der züchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du würdest wie ich keinen andern Gedanken haben, als sie. Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses – ich wäre der seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte unendlich glücklich sein oder unendlich elend – und jetzo bin ich elend.
Sie verlassen kann ich nicht; genug, daß sie sich mir entzieht, so viel sie kann, daß ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich weiß es ihr Dank, daß sie mich flieht; grade die reine, versagende, milde Frau liebe ich in ihr. Ich bleibe hier; denn ich weiß, sie und ich, wir haben Beide keine Hoffnung auf Glück, als das, uns in flüchtigen Momenten zu begegnen, die abzukürzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du willst; ich bleibe.
Thalberg.
Elftes Kapitel.
Aus Clementinens Tagebuch.
Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich auf seinen Arm zu stützen, während mein Herz Nichts mehr kennt, als Robert und diese unglückselige Liebe? Ach, ich hätte mich so gern getäuscht; ich wollte mich überreden, daß ich ihn jetzt mit Ruhe sehen, daß er mir ein Freund werden, daß er mein armes, einsames Leben verschönen könne – und ein Kind mit seiner Einfalt muß mir die Falscheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du dafür?
Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So muß ich ihm täglich begegnen, mich verstellen, lügen und kalt scheinen, während die heißeste Liebe mich zu ihm zieht, während ich fühle, wie er mich liebt. Ach, nun ist es zu spät, Alles vorbei für mich, und mir bleibt keine Wahl, als fortzuschreiten auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens seine Ruhe erhalten werde und Robert nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich meine Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die einen Andern liebt! Wer mir das je als möglich vorgestellt hätte! – und wie soll es enden.
Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straßen und peitscht den Schnee vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist es fröstelnd und bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er käme zurück und bliebe bei mir – denn ich fürchte mich allein, vor mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es nicht; die Kinder, die ich holen ließ, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Straße hinaus; eine arme Frau ging vorüber, starr und weinend vor Kälte; ich ließ sie hereinholen, wärmen, speisen und kleiden – wohl ihr, daß man ihr helfen kann. Mir kann Niemand helfen!