St...., d. 12. Januar 1840.
Mein liebes Kind! ich wünsche gewiß ebenso sehr als Du, daß es uns vergönnt würde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider müssen wir aber den Plan noch für eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl genug bin, jetzt an eine Reise zu denken. Indes will ich mich so rüsten, daß ich bei der nächsten gelinden Witterung mich auf den Weg mache, und so wollen wir Beide um einen milden Winter bitten.
Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen unbestimmten Ausdrücken nicht verstehen; will es auch nicht, falls irgend etwas Deinen häuslichen Frieden gestört hätte. Dergleichen kommt wol in jeder Ehe vor, und man muß sich nur hüten, ein Wort davon, auch gegen die beste Freundin, laut werden zu lassen. Der Frieden stellt sich oft gar leicht wieder her; das ausgesprochene Wort kann aber nie zurückgenommen werden und ist nur zu oft eine Saat, die böse Früchte trägt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav und liebt Dich – mußt Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedürfniß, so sei es gegen ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's Reine zu kommen, und – wenn Du dulden mußt, dulde schweigend. Das ist der einzige Rath, den ich für verheirathete Frauen habe.
Im Frühjahr sehen wir uns, so Gott will, wieder; mögen dann mit dem Winter auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges, kräftiges Mädchen; halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige, mein Kind! damit Du in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich, mein Töchterchen! und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es herzlichst wünscht Deine treue Tante
Albertine v. Alven.
Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrübniß. Sie hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewußt, als die Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen. Robert gänzlich zu vermeiden, war in ihren Verhältnissen unmöglich, ohne daß Meining es bemerkte; fast täglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsäglich, wenn sie ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah. Sie hätte Meining Alles bekennen mögen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der Welt zu fliehen, damit sie dieses Elends ledig würde. Je mehr ihr Herz an Robert hing, je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fühlte sie das Bedürfniß, demselben, wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein, sich vor ihm zu demüthigen und ihn durch jede mögliche Aufmerksamkeit für die entzogene Liebe zu entschädigen. Wenn dann Meining erfreut und dankbar für so viel Zuvorkommenheit und Güte, sie in seine Arme schloß oder sie küßte, hätte sie vor Scham vergehen mögen; besonders wenn sie bemerkte, wie dann Robert's Auge unaufhörlich auf ihr ruhte, wie er die Farbe wechsele und düster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining sich entfernte.
Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau ihr Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu finden, wenn sie selbst sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge. Aber Frau von Alven kam nicht. Clementine blieb mit ihrem Kummer allein und wußte Nichts zu thun, als die Zirkel so wenig als möglich zu besuchen, in denen sie Robert zu begegnen glaubte.
Anfänglich schien Thalberg das zu billigen, und nur das Entzücken, mit dem er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie vermißt hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft auf das Höchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend vermuthen konnte, fehlte er niemals, und wenn sie sich nur für einen Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte, war er sicher an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine häufiger werdenden Besuche nicht angenommen, so wußte er sich durch den Geheimrath selbst eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den Muth, ihm deshalb zu grollen. War er doch so glücklich in ihrer Nähe. Sie hätte ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder ein freundliches Wort zu gönnen, weil sie, unaufhörlich gegen ihr Herz kämpfend, den Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit Ruhe gedenken, wenn sie ihn nicht mehr sähe, und es werde ihr gelingen, sich ihrem Manne zu erhalten.
Zwölftes Kapitel.
Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen, welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Männer; und sind diese Letztern jung und liebenswürdig, so kann es nicht fehlen, daß sich die Augen der Mütter liebreich auf sie richten und die der Töchter sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird, wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere Augen, süßeres Lächeln sah Rinaldo nicht in Armidens Gärten, als sie jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glänzende Equipage, seine prächtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu vermeiden, welches seine Persönlichkeit eingeflößt hatte. Leider schien es aber, als ob seine schönen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar nicht bemerkten. Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne irgend Jemand auszuzeichnen, sodaß endlich eine der älteren Damen, welche eine einzige Tochter hatte, sich entschloß, sich hinsichtlich ihrer Wünsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die Staatsräthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hübsche, frische Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit einem Worte »eine vortreffliche Partie«. Die Staatsräthin sah, daß Thalberg viel im Meining'schen Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen Einleitung, daß sie lebhaft wünsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimräthin, daß mich dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, daß ich Nichts sehnlicher wünschen könnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was manchen Frauen an Thalberg mißfällt, das kalte Betragen gegen junge Mädchen, ist mir ein Beweis mehr, daß er ein sehr guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein würde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal zusammen einladen möchten – damit sich die Leutchen näher kennen lernten – mein Gott! das verpflichtet ja Niemand – Thalberg selbst braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei Menschen glücklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige Schuldnerin.