Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, daß Sie sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie fühlen den Werth der Häuslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die erste Dame, der ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde.

Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie ließ ihn aber nicht dazu kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide schwiegen – es war eine bange Pause.

Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von sich entfernen muß; auch wenn es mein einziges, letztes Glück zerstörte. Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre Wahl, meine Gnädige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen – ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswürdigen Gatten zu machen. Aber freilich, eine Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden hat, als die Geheimräthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! über die großmüthigen Frauen!

Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! – war Alles, was Clementine den stürmischen, unwürdigen Worten entgegnete, aber ein paar große Thränen zitterten in ihren Augen.

Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch sein Auge war von Thränen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, faßte ihre Hände und sprach: Sei es so! – ja, gnädige Frau! Sie haben Recht, ich reise bald, weil Sie es wünschen. O! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, daß er fast vor ihr kniete, küßte ihre Hände und ging eilig hinaus.

Clementine war erschöpft. Sie schlug ihre Hände, wie betend, zusammen und blieb in schwermüthigem Hinbrüten, bis Marianne und die übrigen Gäste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch in eine überreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst und höchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nächsten Tagen kaum im Stande, die nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren Ball anzuordnen; sie fühlte sich krank und bestand doch, trotz Meining's Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der mehrmals hingekommen war, ließ sie, wie alle übrigen Besuche, abweisen und bat den Geheimrath, er möge ihr, da das gesellige Treiben sie wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen, deren sie nur bedürfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein.

Der verhängnißvolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung war glänzend geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und Kerzen überall – große Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen fröhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige Schnur großer Perlen. Ihr Haar, einst Robert's Entzücken, war glatt gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schön, trotz ihrer Blässe. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an diesen Abend, sie hatte unaufhörlich mit sich gerungen. Nun war sie ruhig, aber müde; glorreich müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.

Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsräthin Ringer mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das kleine, junge Mädchen erblickte, das in dem Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Strauße von Rosen in den hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie segnend küßte sie das blühende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie bei mir, mein liebes Fräulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen; Ihnen übergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Bürge, daß diese sich amüsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimräthin um den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat.

Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn er wußte, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch, als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrüßt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen ließ, ihm ihren kleinen Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimräthin als Wirthin in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsäglich peinigte. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein, und einige Herren fragten ihn, ob er das prächtige Tableau bemerkt habe, das die imposante, ernste Schönheit der Geheimräthin von Meining und die liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben einander gestanden hätten.

Allmälig näherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tönten die Straus'schen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten allerwegen. Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor kindlicher Lust – nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters und hörte theilnahmlos die faden Galanterien eines älteren Herrn an, während ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie endlich verließ, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen, gnädige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen? Wenn Sie wüßten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu versöhnen, Sie würden mir längst vergeben haben.